METTA SUTTA – Sutta der Allgüte
Sri Gnanawimala Maha Thero
(Auszug aus “Das Licht der Lehre)
Unser heutiger Vortrag handelt
von der Metta Sutta, der Sutta der allumfassenden Herzensgüte. Es ist ein
einfaches, kleines Gedicht von zehn Strophen und enthält doch so viel Weisheit.
Zweieinhalbtausend Jahre ist es alt und doch so brennend gegenwartsnah. Unsere
Welt droht heute in Mißtrauen, Angst und Haß zu ersticken, und die Menschen
hungern geradezu nach ein wenig Freundlichkeit, Mitgefühl und Herzenswärme. Vielleicht
hat unsere Gesellschaft nichts so bitter nötig wie die Erweckung und Entfaltung
von Güte. Aber die Gesellschaft ist ja nur der Spiegel, in dem wir unser
eigenes Wesen erblicken. Deswegen sollten wir nicht unsere Umwelt wegen ihrer
Lieblosigkeit anklagen, sondern den Schmutz des Hasses in uns selbst
beseitigen. Das Metta- Sutta gibt uns hierzu die nötige Anleitung.
KARANIYAM ATTHAKUSALENA- das
heißt wörtlich: "Dies soll ein Mensch tun, der sein Bestes sucht."
Ihr Bestes wollen ja alle Wesen, alle wollen zufrieden und glücklich sein,
wollen geliebt werden, wollen frei sein von Kummer und Schmerz. Hoffnungen und
Strebungen, Willensregungen und Taten der Wesen sind einzig darauf gerichtet,
ihr Wohlbefinden zu heben. Warum irren die Wesen aber oft so schrecklich in
ihrem Bemühen, das Beste zu erreichen? Warum fügen sie sich soviel Leid zu? -
Weil sie den geraden Weg zu ihrem Ziel nicht erkennen können.
Wegen dieser Unwissenheit
schaden sie sich selbst und anderen. Im Grunde genommen ist ein Übeltäter gar
nicht schlecht, sondern eher blind; es mangelt ihm einfach an genug
Intelligenz, die Folgen seines Tuns zu überblicken. Er sieht nur den kleinen
Vorteil des Augenblicks und nicht das Leid, das er sich unvermeidlich dafür
einhandelt. Könnte man ihm klar begreiflich machen, daß die Wirkung jeder Tat
letztlich den Täter selbst trifft, so würde er unverzüglich sein übles Tun
aufgeben. Die Schriften berichten von einem solchen Fall: Ein einziges Gespräch
mit dem Voll-Erwachten öffnete dem Massenmörder Angulimalo derart die Augen,
daß er den Wahnsinn und die Heillosigkeit seines Tuns durchschaute, als Mönch
in den Orden eintrat und in kürzester Zeit Heiligkeit erlangte.
Wenn wir nun den Mörder, den
Dieb, den Lügner hassen, wo wir ihn doch eher bedauern müßten, so zeigt dies
nur, daß wir selbst blind sind und unser eigenes Heil nicht kennen. Am
Übeltäter entzündet sich ja nur der Haß, in uns selbst aber brennt er und
schafft unmittelbares
1. Rechte Lebensführung (sila),
2. Rechte Geistessammlung
(samadhi) und
3. Rechtes Wissen (pañña).
Wie bei jeder buddhistischen Geistesübung
bildet also auch hier untadeliger Lebenswandel die Übungsgrundlage. Niemand
kann in der Güte- Meditation Fortschritte erwarten, wenn er sich nicht
gleichzeitig im Alltagsleben um die Überwindung von Ich- Sucht,
Gleichgültigkeit und Lieblosigkeit bemüht. Im ersten Teil des Suttas werden 14
Faktoren des Rechten Lebenswandels genannt, die im Laufe der Übung zu
entwickeln und zu vervollkommnen sind:
1. SAKKO: die Fähigkeit, Regeln
zu befolgen,
2. UJIJ: Ehrlichkeit,
3. SUJÜ: Aufrichtigkeit sich selbst
gegenüber.
4. SUVACO: Gehorsam,
5. MUDU: Geduld,
6. ANATIMANI: Sanftmut,
7. SANTUSSAKO: Zufriedenheit,
8. SUBHARO: Friedfertigkeit,
9. APPAKICCO: Ausgeglichenheit.
10. SALLAHUKAVUTTI:
Bedürfnislosigkeit,
11. SANTINDRIYO:
Sinnesbeherrschung,
12. NIPAKO: Geistesklarheit,
13. APPAGABBHO:
Unaufdringlichkeit und
14. KULESU ANA NUGIDDHO:
Unparteilichkeit.
Im zweiten Teil der dritten
Strophe beginnt bereits die meditative Übung mit der Erweckung gütiger
Gedanken: "Im Glück und im Genuß des Friedens weilend, so mögen alle Wesen
glücklich sein." - Wesen gibt es ja unendlich verschiedene und viele. Was
überhaupt dem Verstand an Existenzformen vorstellbar ist, wird hier in die
Güte- Übung einbezogen: schwache und starke Lebewesen, große und kleine, sichtbare
und unsichtbare, nahe und fern weilende, geborene und gerade erst entstehende.
Dabei soll der Übende zunächst an kein bestimmtes Einzelwesen denken, sondern
sich eben auf das Gemeinsame aller Lebensformen besinnen, er soll sich in allen
Wesen wiedererkennen: "Alle diese Wesen fühlen ja genau so wie ich; sie
fürchten Kummer und Schmerz und sehnen sich nach Liebe, Glück und Geborgenheit.
Nur aus Unwissenheit fügen wir einander so viel Leid zu. In Wahrheit aber sind
wir alle Brüder auf der Suche nach dem Zuhause, der Stätte des Friedens, wo
allumfassende Liebe und allumfassende Weisheit uns einmal vereinen wird. Wir
sollten einander lieben, statt uns im Haß zu zerfleischen." So erweckt er
gegen alles Lebende die gütige Gesinnung:
"Mögen alle Wesen frei sein
von Haß, Bedrückung und Beklemmung! Mögen sie ihr Dasein glücklich verbringen!
Möge alles, was atmet, alle Geschöpfe, alle Individuen, alle im persönlichen
Dasein Einbegriffenen, frei sein von Haß, Bedrückung und Beklemmung. Ach,
möchten alle Wesen doch glücklich sein, voll Frieden, im Herzen ganz von
innerem Glück erfüllt!"
Hat er auf diese Weise gütige
Gesinnung gegen alles Lebende erweckt und mit aller Kreatur seinen Frieden
gemacht, so wünscht der Übende, daß sich die Wesen auch untereinander kein Leid
zufügen mögen. Dies ist der Inhalt der sechsten Strophe.
Der Übende soll nun untersuchen,
ob die so erweckte Güte auch uneigennützig und vorurteilsfrei ist. Als Beispiel
echter, selbstloser Liebe nennt die siebente Strophe die Mutterliebe. Wenn man
fähig ist, diese der Mutterliebe gleichende Güte aller Kreatur gegenüber zu
empfinden, hat man ehrliche, echte Herzensgüte in sich erweckt.
Nun soll der Übende die erweckte
Herzensgüte in sich entfalten und stark werden lassen und die so gewonnene
Güte- Energie ausstrahlen. Hierzu gibt der Kommentar im Visuddhi-Magga genaue
Anweisungen. Zunächst einmal soll man bei sich selbst beginnen und das eigene
Ich- Wesen mit Güte durchsättigen: "Alles Leid möge mir schwinden, Glück
und Zufriedenheit mögen zunehmen, möge mein Leben glücklich verlaufen."
Warum aber beginnt man die
Güteausstrahlung bei sich selbst? Weil der, der schon mit sich selbst in
Unfrieden lebt, unmöglich auf andere Güte überstrahlen kann. Es gibt einen Haß
gegen die eigene Person, der sich in Friedlosigkeit, Gefühlen der
Minderwertigkeit und sinnlosen Selbstvorwürfen äußert. Dieser Selbsthaß muß
zuallererst überwunden werden, dabei soll er aber nicht in das andere Extrem
engherziger Eigenliebe umschlagen. Deshalb ist jene zuvor beschriebene Übungsstufe
so wichtig, in welcher der Übende sein eigenes Ich-Wesen als einen Teil der
lebendigen Kreatur neben Milliarden anderer Brüder-Wesen sehen lernt. Frei von
Eigensucht und selbstischer Vorliebe durchstrahlt er das Ich-Wesen nur deshalb
als erstes, weil es von allen Wesen das naheste und zugänglichste ist. Indem er
sich aber selbst mit Güte durchdringt und durchsättigt, kommt er in den Genuß
friedvollen Glücks und beginnt durch unmittelbares Erleben den köstlichen Segen
einer gier- und haßfreien Gesinnung zu begreifen.
Wer nun aber die Güte so weit
entfaltet hat, den drängt es, auch die anderen Wesen an seinem Glück teilhaben
zu lassen. Denn er denkt sich: "Solange Haß und Unfrieden in mir war,
solange war ich blind und kannte nicht mein Bestes. Nun aber erlebe ich in mir
selbst den hohen Segen der Güte. Könnten doch alle Wesen gleiches empfinden,
könnten wir doch gemeinsam all unsere Angst und Kümmernis im Meer der Liebe
versenken und im Frieden der Allgüte verweilen!" So beginnt er, nachdem er
sich selbst mit Güte durchsättigt hat, Güte- Energie auf andere Wesen
überzustrahlen.
Hierbei ist folgendes zu
beachten: Die Güte, sofern sie noch schwach entwickelt und nur auf die eigene
Person bezogen ist, gleicht einem gerade erst entfachten Feuer. Legt man auf
dieses nun sofort einen dicken feuchten Holzkloben, so wird das Feuer
ersticken, ehe der Holzkloben auch nur erwärmt worden ist. Deshalb muß man das
Feuer zunächst mit ganz trockenem Reisig behutsam ernähren, darauf kräftigt man
es mit Spanholz, sodann legt man trockene Scheite auf und schließlich, wenn das
Feuer richtig durchgebrannt ist, wird man den feuchten Holzkloben hineinwerfen.
- Ebenso erstickt die noch schwach entwickelte Güte - Flamme, wenn sie gleich
einen Menschen erfassen und durchdringen soll, den wir in schlechtester
Erinnerung haben. Man beginnt deshalb mit der Güte- Ausstrahlung bei einem
Menschen, der einem besonders lieb, teuer und verehrungswürdig ist. Dann
schreitet man fort mit der Güte- Ausstrahlung über seine Freunde und lieben
Verwandten; später erfaßt die stark gewordene Güte auch die Menschen, die einem
gleichgültig sind und zuletzt gar die Feinde.
Wie aber geht die Güte-
Ausstrahlung vonstatten? Man denkt z.B. als erstes an seinen verehrungswürdigen
Lehrer und erinnert sich seiner freundlichen Worte, seiner selbstlosen
Bemühungen, seiner Achtung und Ehrfurcht gebietenden Sittlichkeit oder seines
hohen Wissens. Hinsichtlich eines solchen Menschen gelingt es leicht, die Güte
zu entfalten: "Möge dieser gute Mensch glücklich sein, möge es ihm wohl
ergehen, möge er alle Zeit frei sein von Bedrückung, Beklemmung und
Feindseligkeit." Hierbei erwecke man das Bild des verehrten Lehrers vor
seinem geistigen Auge so deutlich und plastisch, wie die Erinnerung es zuläßt,
und durchstrahle es ganz mit Güte. Hat, der verehrte Lehrer auch einige minder
gute Eigenschaften, so denke man zunächst nicht übermäßig an diese, sondern
halte sich vor allem seine guten Eigenschaften gegenwärtig, damit die Übung
leichter vonstatten gehe. Später vermag die erstarkte Güte mit liebevoller
Toleranz auch die Schwächen des anderen zu umgreifen, so daß sie vorurteilsfrei
und bedingungslos den ganzen Menschen in seiner Wirklichkeit annimmt.
Hat man seinen Geist nun
hinsichtlich dieses ersten verehrungswürdigen Menschen so geschmeidig und
nachgiebig gemacht, daß bei der bloßen Erinnerung an ihn sogleich ein Gefühl
der Wärme und Verbundenheit entsteht, so geht man zur nächsten Personengruppe
über und beginnt, einen Freund oder lieben Verwandten mit Güte zu durchstrahlen.
Man muß nämlich darauf achten, daß die Entfaltung der Güte nicht nur in die
Tiefe, sondern auch in die Breite erfolgt. Deshalb vertiefe man nicht übermäßig
die Güte nur zu einem Menschen, sondern erfasse nach und nach alle Menschen
seiner Umgebung in weitherziger, vorurteilsfreier, mitfühlender Freundlichkeit
und Güte.
Nun mag es sein, daß bei der
Erinnerung an einen bestimmten Menschen Unruhe, Verstimmung, Ärger oder gar Haß
aufsteigen. Dann stelle man vorerst die Entfaltung der Güte zu diesem Menschen
zurück und beginne erneut, sich selbst mit Güte zu durchstrahlen, sich der
vertrauten und liebgewonnenen Menschen zu erinnern und versuche dann mit frisch
gesammelter Güte- Kraft diesen noch unlieben Menschen zu durchdringen. Manchmal
gelingt dies erst nach vielen Anläufen. Keinesfalls aber soll man sich auf
bereits erobertem Gebiet ausruhen und hier in schönen Empfindungen schwelgen.
Die Entfaltung der Güte ist ein aktiver Kampf, ein zähes und unerbittliches
Niederringen des Hasses und seiner Vasallen.
Die achte Strophe des Metta-
Sutta zeigt, zu welch unvergleichlichem Sieg dieser heldenmütige Kampf führt:
er liegt in der Gewinnung eines völlig haßfreien Bewußtseins, eines von aller
Selbstsucht befreiten Geistes, der die ganze Welt unbegrenzt und unbehindert
mit Güte durchdringen und durchleuchten kann. Ein solcher Geist gleicht
wahrlich der Sonne, die Licht und Wärme unterschiedslos jedem Wesen zukommen
läßt und nicht danach fragt, ob der einzelne dieser Gabe würdig ist oder nicht.
Hierzu heißt es an anderer Stelle im Kanon:
"Da durchdringt der Mönch
mit einem von der Allgüte erfüllten Geiste erst eine Himmelsrichtung, darauf
ebenso die zweite, die dritte und die vierte; und sich selbst in allem
wiedererkennend, durchdringt er nach oben, nach unten, überall die ganze Welt
mit einem von Allgüte erfüllten Geiste, einem weiten, entfalteten,
unbeschränkten, frei von Groll und Übelwollen." (Digha-Nikaya 33)
Wo sich der Geist in aller
Kreatur wiedergespiegelt findet, da erkennt er seine wahre Natur, da gießt er
seine Selbstheil ins grenzenlose Meer der Liebe aus und verweilt in göttlichem
Frieden. Aber dieser Frieden will durch Sieg errungen sein, und dem Sieg geht
der Kampf voraus. Die neunte Strophe weist noch einmal darauf hin, daß unermüdlich
der Haß durch Entfaltung der Allgüte niedergerungen werden muß, und zwar nicht
nur während der Intensiv- Übung der Metta- Meditation, sondern immerfort und
überall im normalen Alltagsleben. Denn hier vor allem, im Umgang mit wirklichen
und nicht nur durch Erinnerung vorgestellten Menschen, wird die Güte lebendig,
hier muß sie sich bewähren und Früchte tragen.
Die zehnte und letzte Strophe
des Metta- Sutta betont noch einmal ausdrücklich die beiden anderen Bereiche,
die zugleich mit der hier so ausführlich beschriebenen Geistessammlung zu
entwickeln sind: der Bereich sittlichen Lebenswandels und der des Wissens. Die
Erreichungszustände der Metta - Meditation sind ja nicht für immer gewonnen. Es
sind wunderschöne, aber vergängliche Zustände des Bewußtseins, in denen man
nicht ewig verharren kann. Wesentlicher als alle Empfindung göttlichen Friedens
ist der Grad an wissender Klarsichtigkeit, welcher im Übungsfortschritt
gewonnen wird, und dieses sich klärende Wissen muß im geläuterten und
zielbewußten Wirken (KAMMA) seinen Niederschlag finden. Hier nur wird
entscheidend die Wirklichkeit verändert, hier bestimmt der Mensch seine
Zukunft. Von dieser Zukunft aber wird gesagt: Wer den Weg der herzerlösenden
Güte wandelt, wird nach einem friedvollen und ruhigen Leben einen leichten Tod
sterben, ganz so, als ob er in
Schlaf sänke. Und sollte er
nicht zu noch Höherem durchdringen, so wird er nach seinem Ableben, wie ein aus
dem Schlaf Erwachter, in der Götterwelt wieder erscheinen.
Legende über die Herkunft des Metta- Sutta
Einmal zur Regenzeit war eine
Anzahl Bhikkhus beim Erhabenen, um sich Anweisung zur Meditation geben zu
lassen. Als sie dann nach einem geeigneten Platz für ihre Übungen Ausschau
hielten, fanden sie einen wunderschönen Platz. Sie beschlossen, dort zu bleiben
und zu meditieren, um Erwachung zu
Die Devas (Gottheiten), welche
eben an diesem Platz wohnten, nahmen es den Bhikkhus sehr übel, daß sie sich
ausgerechnet an ihrem Wohnort niederlassen wollten. Sie beschlossen, die Mönche
des Nachts in ihrer Meditation zu stören, um sie zu verjagen. Den Bhikkhus fiel
es sehr schwer, sich unter diesen Umständen zu konzentrieren; sie gingen
deshalb zum Buddha und erzählten ihm die Angelegenheit. Darauf gab ihnen der
Buddha das Sutta der Liebe, der Güte, und hieß sie an ihren Platz zurückzugehen
und es zu rezitieren.
Die Bhikkhus handelten nach der
Anweisung, und die Devas fühlten sich wohl und geborgen in den ausgestrahlten
Liebes- und Gütegedanken. Sie standen dem Fortschritt der Bhikkhus nicht mehr
im Wege, sondern ließen ihnen im Gegenteil jede Hilfe angedeihen. Während
dieser Regenzeit erreichten alle Bhikkhus die Erwachung.