REINHEIT UND KLARBLICK
by Acharn Thawee Baladhammo
Das Thema
"Reinheit des Geistes und meditativer Klarblick" ist sehr
tiefgründig. Es hat zu tun mit Erlebnissen, die sich durch die
Meditationspraxis einstellen. Leute, die nicht meditieren, kennen diese Erfahrungen
nicht. Aber auch die Übenden selber finden es oft schwierig, einer kurzgefaßten
Darstellung des Übungsablaufes zu folgen, es sei denn, sie hätten zuvor schon
buddhistische Schriften gelesen und sich mit der Terminologie vertraut gemacht.
Um Zweifeln oder Mißverständnissen vorzubeugen, werde ich mich bemühen, die
wirkliche Bedeutung der Vorstellungen über geistige Entwicklung zu klären, wie
wir sie in der Buddhalehre finden.
Wahrheit des Leidens
Das Ziel dieser Lehre, dargelegt in den vier edlen Wahrheiten, ist ein
umfassendes Verständnis, was Leiden eigentlich ist und wie man es beenden kann.
Im buddhistischen Verständnis bleibt der Begriff des Leidens nicht auf
schmerzhafte oder deprimierende Erfahrungen beschränkt. Er bezieht sich
vielmehr auf Phänomene, die der Veränderung unterworfen sind, die nicht so
bleiben, wie sie sind. Denken Sie noch einen Moment darüber nach, und Sie
werden mir zustimmen, daß es in der Tat im ganzen Universum nichts gibt, was
dieser Definition von Leiden entgeht: Alles, was existiert, ist abhängig von
Bedingungen, die wiederum nicht stabil sind. Es gibt nichts in der Welt, was
sich im Laufe der Zeit nicht verändert. Was wir Glück nennen, ist auch nur eine
Ausdrucksform dieses Leidens. Wir können angenehme Dinge und schöne Zustände
genießen, solange sie dauern. Wir werden aber immer das Problem haben, die
Bedingungen für unser Glück aufrechtzuerhalten, und wenn sie sich letztlich
ändern, hinterlassen sie ein Gefühl der Entbehrung und unbefriedigtes
Verlangen, das nach Wiederholung ruft. Bedingte Phänomene können keine dauernde
Befriedigung geben. Deshalb nennen wir sie Leiden.
Wahrheit des Ursprungs: ...Verlangen...
Als Ursache des Leidens wird das Anhaften an diesen ewig wechselnden, bedingten
Phänomenen betrachtet - daß man sie für glückspendend und dauerhaft hält. Wir
nehmen fälschlich das Versprechen von Glück in manchen Objekten wahr, und so
entsteht Begierde. Das führt dann zum Anhaften und Handeln, um zu bekommen, was
wir wollen. Wenn unser Handeln Früchte trägt, schweigt die Begierde
vorübergehend. Das nennen wir dann Glück. Es ist aber nicht die Anwesenheit von
begehrten Objekten, was uns glücklich macht, sondern nur die Abwesenheit von
Verlangen im Geiste. Weil aber der Brennpunkt unserer Aufmerksamkeit auf die
Objekte gerichtet ist und nicht auf den Geist selbst, entsteht der Eindruck,
daß Glück eine Eigenschaft wäre, die den Objekten zugeschrieben werden muß.
Schließlich sehen wir nur einen Weg zum Glück, und der führt über Objekte des
Verlangens. So kommt es, daß Anhaften selbst für eine gute Sache gehalten wird:
Es ermöglicht uns, Dinge intensiver zu genießen. In Wirklichkeit versuchen wir
nur, das Verlangen loszuwerden, denn dann fühlen wir uns glücklich. Und wir
merken einfach nicht, daß es unmöglich ist, das Verlangen auszulöschen, solange
es auf vergängliche Phänomene gerichtet ist.
Wahrheit des Verlöschens
Es liegt an unserer Unwissenheit über die wahre Natur der bedingten Phänomene,
daß wir Anhaften mit Glücklichsein verwechseln - und unwillentlich weiterhin
mehr Leiden anhäufen. Um nun aber die Ursache dieses Leidens unschädlich zu
machen, das heißt, nicht mehr anzuhaften, muß man den Schleier der Unwissenheit
durchdringen und eine korrekte Wahrnehmung der äußeren Welt erreichen. Das läßt
sich nicht einfach durch intellektuelle Studien oder ein moralisches Leben
bewerkstelligen. Man muß die geeignete Methode geistiger Entwicklung anwenden,
die zum Auftauchen überweltlicher Weisheit führt.
Wahrheit des Weges: Der achtfache Pfad
Für diesen Zweck hat Buddha die Übung der Klarblicksmeditation gelehrt, anhand
des Achtfachen Pfades. Der Achtfache Pfad besteht aus einer dreifachen
Schulung: Sittlichkeit, Konzentration und Weisheit.
Rechte Rede,
Rechtes Handeln und Rechter Lebenserwerb - drei Glieder des Achtfachen Pfades,
bilden zusammen die Sittlichkeitsgruppe der dreifachen Schulung. Rechte
Anstrengung, Rechte Achtsamkeit und Rechte Konzentration bilden die Schulung
der Konzentration. Rechtes Verständnis und Rechtes Denken sind die
Weisheitsgruppe. Der Achtfache Pfad hat die Funktion, zum Ende des Leidens zu
führen. Wenn Sittlichkeit, Konzentration und Weisheit allmählich herangebildet
werden durch die Übung der Klarblicksmeditaion, wird der Geist mehr und mehr
verfeinert, die ursprüngliche Verblendung weicht schrittweise einem klaren
Erkennen, wie die Dinge eigentlich sind.
Die Sieben Reinheitsstufen
Nun gibt es sieben unterschiedliche Stufen geistiger Reinheit, die in einem
Zustand gipfeln, der die wahre Natur der Existenz unvoreingenommen aufnimmt.
Die erste Stufe der Reinheit heißt "Reinheit des Betragens", das
bezieht sich auf Sittlichkeit. Die zweite Stufe ist "Reinheit des
Geistes" durch Konzentration. Die dritte heißt "Reinheit der
Ansicht". Als vierte kommt dann die "Reinheit der Überwindung von
Zweifeln". Die fünfte Stufe heißt "Reinheit der Klaren Schau, was der
Pfad ist und was nicht der Pfad ist". Die sechste Stufe heißt
"Reinheit der Klaren Schau des Übungsablaufs". Die siebte Stufe ist
"Reinheit der Klaren Schau". Hier sehen wir die volle Entfaltung der
Weisheit.
Der Achfache Pfad
ist mit den Sieben Reinheitsstufen durch die dreifache Schulung verbunden. Die
erste Reinheitsstufe hängt mit der Sittlichkeit beim Achtfachen Pfad zusammen,
die zweite mit der Konzentration. Von der dritten bis zur sechsten
Reinheitsstufe wird die Weisheit auf weltlicher Ebene entwickelt, bis sie stark
genug ist, das Überweltliche zu erleben. Gleichzeitig wird die Konzentration
vertieft und die Sittlichkeit gefestigt, sodaß mit der siebten Reinheitsstufe der
ganze Achtfache Pfad voll entfaltet ist. Dann nennt man ihn den Überweltlichen
oder Edlen Pfad.
Die Sechzehn Klarblickschritte
Es gibt noch ein anderes Herangehen an die Entfaltung von Weisheit, und
zwar mit den sechzehn Schritten des Klarblickswissens. Die Reinheitsstufen
beschreiben uns den Zustand des Geistes, wie er sich in Übereinstimmung mit der
Entwicklung des Achtfachen Pfades verändert. Die Klarblickschritte, hingegen,
geben uns einen lebhafteren Eindruck davon, was der Meditierende während des
Übungsverlaufes von der dritten Reinheitsstufe an erlebt. Die ersten drei
Klarblickwissen korrespondieren mit den Reinheitsstufen drei, vier und fünf.
Auf der Basis der sechsten Stufe gibt es eine Aufeinanderfolge von acht
Klarblickswissen, die in die siebte Reinheitsstufe mündet. Die restlichen fünf
Klarblickschritte gehören dieser Stufe an. Von den sechzehn Wissenschritten
sind nur der vierzehnte und fünfzehnte überweltliche Weisheit, sie sind mit
einem überweltlichen Objekt beschäftigt. Alle anderen Klarblickwissen sind
weltliche Weisheit, sie haben weltliche Objekte.
Reinheit ist Klarblick
Überhaupt ist der ganze Prozeß der Verfeinerung des Geistes durch die
sieben Reinheitsstufen nichts weiter als eine allmähliche Entfaltung von
Weisheit, wobei falsche Ansichten berichtigt werden. Wenn ein Klarblickwissen
auftaucht, ist es zunächst schwach. Es kann leicht wieder verloren gehen. Wenn
der Meditierende sich weiter bemüht, wird sein Klarblick solide und gediegen.
Erst dann kann man sagen, daß der Geist die entsprechende Reinheitsstufe
erfüllt hat.
Die wichtigste von
allen Reinheitststufen ist die sechste. Hier finden wir den Hauptteil der
Übung, nachdem der Meditierende die Methode geistiger Entwicklung aus
persönlicher Anschauung erkannt hat. Dann kommt eine Abfolge von acht
Klarblickwissen ehe die sechste Reinheitsstufe erfüllt ist. Die siebte
Reinheitsstufe wird nur mit dem vierzehnten und fünfzehnten Klarblickwissen
erreicht. Die sind überweltlich. Da aber das zwölfte und dreizehnte Klarblickwissen,
und auch das sechzehnte, untrennbar mit der Erzeugung des Edlen Pfades
verbunden sind, werden sie auch zur höchsten Stufe gezählt.
Klarblick ist Achtsamkeit
Das Ziel der Buddhalehre ist die direkte Erfahrung der höchsten
Wirklichkeit. Die Übung von Klarblickmeditation fördert die Entwicklung von
Weisheit. Und Weisheit hat die Stärke, Unwissenheit zu überwinden. Hier handelt
es sich aber um etwas anderes als um Wissen, das wir durch Bücherstudium
erwerben können, oder indem wir über unsere Erfahrung reflektieren.
Voraussetzung für das Auftauchen von Klarblickweisheit ist die Anwendung der
Achtsamkeit auf unsere gegenwärtige Erfahrung. Man kann die Wirklichkeit nur
erleben, wenn sie existiert. Sie kann nicht in der Vergangenheit oder in der
Zukunft gefunden werden. Nur was sich gerade jetzt präsentiert, ist letzten
Endes auch wirklich und kann Auskunft geben über die wahre Natur von Körper und
Geist. Wenn der Brennpunkt der Achtsamkeit auf das gegenwärtige Objekt
gerichtet bleibt, dann wird es möglich, die wahren Merkmale bedingter Phänomene
zu erkennen und sich vom Anhaften zu befreien.
Achtsamkeit ist der Weg
Rechte Achtsamkeit ist der führende Bestandteil des Achtfachen Pfades.
Achtsamkeit ist der Ursprung der Weisheit, die entwickelt werden muß. Wenn
Achtsamkeit geübt wird, werden alle anderen Bestandteile des Pfades dem einen
Ziel der Befreiung zugewendet. Dann werden im Laufe der Zeit die sieben
Reinheitsstufen und die sechzehn Klarblickschritte im Geiste manifest.
Zu Beginn der
Übung sind jedoch Aachtsamkeit, Konzentration und die anderen Bestandteile des
Pfades noch schwach. Deshalb spielt am Anfang die Energie eine entscheidende
Rolle. Es ist die Entscheidung sich in der Übung anzustrengen, und
weiterzumachen, bis die Achtsamkeit fest eingerichtet ist und das
Klarblickwissen sich äußert.
Schauen wir uns
nun die Reinheitsstufen und die Klarblickschritte im Einzelnen an-
I.
Reinheit der Sittlichkeit
Der Anfänger kann seinen Geist nicht kontrollieren und für die Erforschung
der Wirklichkeit einsetzen. Man fühlt sich gestört durch wandernde Gedanken,
durch Aufregung oder Ängste, aber Konzentration und Weisheit lassen zu wünschen
übrig. Unser Handeln ist oft von Unreinheiten motiviert. Das verursacht
wiederum mehr Störung im Geist. So findet man keine Ruhe. Deshalb sollte man
zunächst auf die Reinheit des Betragens mit Körper und Sprache achten, indem
man die fünf, acht oder zehn Übungsregeln nimmt, wenn man ein Laie ist, oder
die zweihundertsiebenundzwanzig Regeln für Bhikkhus. Wenn man sich an die
Regeln hält, wird das Betragen gut, und der Geist beruhigt sich zumindest
soweit, daß man sich weiter anstrengen kann, den Grad an Konzentration zu
erreichen, der für weiteren Fortschritt unerläßlich ist. Reinheit des Betragens
besteht in der Übung der Sittlichkeitsgruppe aus dem Achtfachen Pfad.
II. Reinheit des Geistes
Wenn Körper und Rede als wären es Tore bewacht werden von Achtsamkeit auf
die Übungsregeln, dann liegt der nächste Schritt in der Überwindung der
ablenkenden und störenden Gedanken, die aus Unachtsamkeit bei den fünf
geistigen Hemmnissen entspringen - dazu gehören Sinnesbegierde, Ärger,
Schläfrigkeit, Unruhe und skeptische Zweifel. Das wird erreicht durch die
Entwicklung der Konzentration.
Sammlung und Klarblick - I
Hier gibt es nun zwei Wege, die Konzentration zu schulen. Die traditionelle
Methode zu Buddhas Zeiten, die heute immer noch verbreitet ist, erzeugt
Konzentration, indem der Geist auf ein ausgesuchtes Objekt fixiert wird, wie
z.B. eine farbige Scheibe, eine Kerzenflamme oder ein Mantra. Wenn durch
fortgesetzte Bemühung das Objekt allezeit fest im Geist verankert ist, dann
tauchen die Hindernisse nicht auf, aber Sinnesempfindungen von der Außenwelt
werden dennoch registriert. Das nennt man angrenzende Sammlung oder
Konzentration. Die 'Reinheit des Geistes" ist erreicht, wenn die
angrenzende Sammlung erreicht ist. Konzentriert man sich weiter ausschließlich
auf das gewählte Objekt, so fällt der Geist am Ende in eine Art erhebende
Freude und Ruhe. Da sind dann keine Sinnesempfindungen, also sind die Hemmnisse
gründlich blockiert, zumindest zeitweise, während der Geist unrührbar fixiert
ist auf ein rein geistiges Nachbild des ursprünglichen Objekts. Das ist dann
Vertiefungskonzentration. Während der Vertiefung ist es nicht möglich,
Klarblick zu entwickeln, weil man nicht auf das Ineinanderspiel der sechs Sinne
achtet. Das Erreichen der Vertiefung mit Konzentrationstechniken führt deshalb
auch nicht über diese zweite Reinheitsstufe hinaus. Es verstärkt nur die Festigkeit
des Geistes.
Die Art von
Konzentration, nun die in der Klarblick Meditation gebraucht wird, heißt
momentane Konzentration. Die soll jetzt erklärt werden.
Momentane Konzentration
In der Übung des Klarblicks wird die Achtsamkeit auf jede Sinnesempfindung
gerichtet, die einen der sechs Sinne berührt - die bekannten fünf und den
Geist, der Emotionen, Gedanken, Erinnerungen und ähnliches erlebt. Der
Meditierende erkennt bald die Schwierigkeit, die einander folgenden
Sinneseindrücke klar zu sehen. Man kann nicht mal eins vom anderen trennen. Das
liegt an unserer eingefleischten Gewohnheit, die Wirklichkeit zu ignorieren.
Wir glauben, uns selbst zu kennen, und halten die Welt für ein eigenständiges
Gebilde, das zu unserer Verfügung steht. Darum kümmern wir uns gar nicht mehr.
Unsere Aufmerksamkeit ist voll beschäftigt mit Ideen und Vorstellungen über
"Dinge", die wir selbst geschaffen haben auf der Basis komplexer
Wahrnehmungsmuster, an denen alle Sinne beteiligt sind. Und so sehen wir die Welt
im Zerrspiegel falscher Ansicht.
Wie meditiert man?
Für Klarblick Meditation ist es notwendig, die Aufmerksamkeit nach innen zu
lenken, um zu beobachten, wie dieser Sinnesorganismus Erfahrung zustande
bringt. Dabei muß man alle Vorstellungen beiseite schieben. Man muß sich nur
bemühen, das tatsächliche Auftreten von Sinneseindrücken zu bemerken, z.B.
sehen, hören, fühlen, denken. Die Abfolge dieser Eindrücke ist aber so schnell,
daß man nicht einfach hineinspringen kann. Man hat ja keinen Halt. Deshalb soll
man damit beginnen, ein einzelnes, wiederkehrendes Objekt zu beachten.
Gewöhnlich ist die Empfindung des Hebens und Senkens der Bauchdecke beim Atmen
das Hauptobjekt für die Klarblick Meditation. Es muß ununterbrochen beachtet
werden. Wenn die Aufmerksamkeit abdriftet und der Geist wandert, abgelenkt ist
oder Gedanken nachhängt, so muß man die Sinnesempfindung noten, die den Geist
gerade beschäftigt. Danach richtet man die Aufmerksamkeit wieder auf das
Hauptobjekt.
So übt man
momentane Konzentration, indem man sich immer auf das konzentriert, was gerade
im gegenwärtigen Moment passiert. Bei dieser Übung werden Achtsamkeit und
Konzentration gleichermaßen, bis der Übende die geistigen Hindernisse erkennt,
sobald sie im Geiste auftauchen. Wenn es so weit ist, hat der Meditierende
schon Routine. Er wird sie noten und sogleich zurück zum Hauptobjekt gehen. Die
zweite Reinheitsstufe, 'Reinheit des Geistes', ist in der Klarblick Meditation
erreicht, wenn momentane Konzentration in ununterbrochener Folge entsteht, denn
sie hat dann die Stärke von angrenzender Sammlung. Sie richtet sich aber nicht
auf ein einzelnes Objekt, sondern ist offen, alles zu bemerken, was auftaucht.
Von hier an
entfalten sich im Meditierenden die sechzehn Klarblickwissen,während er nur die
Abfolge der Ereignisse beobachtet, so wie sie sich dem Bewßtsein präsentieren.
Im Laufe dieser Entwicklung werden die drei allgemeinen Merkmale -
Vergänglichkeit, Leidhaftigkeit, Substanzlosigkeit - immer deutlicher
wahrgenommen, bei jedem Objekt, das man notet. Außerdem wird die momentane
Konzentration weiter dadurch gekräftigt, daß man sich bemüht, die einzelnen
Erlebnisse schneller zu erkennen, und sie dann losläßt, um bereit zu sein für
das nächste Ereignis.
Sammlung und Klarblick - II
Was nun den Unterschied zwischen angrenzender Sammlung und momentaner
Konzentration betrifft, da muß man sich vor Augen halten, wie unterschiedlich
die Methoden und Ziele sind, mit denen die Geisteskraft Konzentration bei der
Sammlungsmeditation und bei der Klarblicksmeditation eingesetzt wird.
In der
Sammlungsübung, heißt es, ist angrenzende Sammlung erreicht, wenn das
materielle Objekt klarbewußt erfaßt ist, und die Hindernisse vorübergehend
unterdrückt sind. In der Klarblick Meditation ist das Objekt der Betrachtung
jedoch die Vergänglichkeit, Leidhaftigkeit und Substanzlosigkeit aller Dinge -
ein Objekt, das man nur mit Weisheit erkennen kann. Hat der Klarblick Übende
die Stufe 'Reinheit des Geistes' erreicht, so gewinnt er jetzt die Fähigkeit,
sich auf die besonderen Merkmale (sabhava) der einzelnen Objekte zu
konzentrieren, die auf seine Sinne einwirken. Die unmittelbare Beobachtung
führt ihn zu der Überzeugung, daß alle Objekte vergänglich sind. Die drei
allgemeinen Merkmale der Existenz, das eigentliche Hauptobjekt der
Klarblickübung, werden hier zum ersten Mal klar aufgefaßt und zum Inhalt der
Meditation. Dies ist eine ähnliche Veränderung wie der Übergang zur
angrenzenden Sammlung, weil die Konzentration die Stärke erreicht für eine
Verfeinerung des Objekts und des wahrnehmenden Bewußtseins. Jedoch hat das
Klarblickobjekt Merkmale, die nur erkannt werden können.
Eine weitere
Paralelle liegt im Fortfall der fünf geistigen Hemmnisse. In der Klarblickübung
werden die Hemmnisse aber nicht unterdrückt, sondern werden erlebt als
vergängliche Phänomene, die kurz den Geist berühren. Die momentane
Konzentration hat dann die Stärke angrenzender Sammlung erreicht, was die
Überwindung der Hemmnisse betrifft.
Wenn der Klarblick
gediegen wird in der Betrachtung der drei Merkmale, dann wandelt sich die
momentane Konzentration in angrenzende Sammlung, die dem Erreichen des Edlen
Pfades nahesteht. Dies ist eine andere Grenze als der Übergang zur Vertiefung
bei der Sammlungsübung. Obwohl es nur eine Geisteskraft der Konzentration gibt,
wird diese Kraft unterschiedlich eingesetzt, je nachdem, ob man Sammlung oder
Klarblick anstrebt.
Sammlung und Klarblick - III
Schauen wir uns den Unterschied noch etwas näher an: Von Natur aus hat der
Geist (nama) die Neigung sich hinzuneigen (namati) zu einem Objekt. Im Zuge der
Sammlungsübung wird diese Neigung genutzt, indem man die Ausrichtung des
Geistes auf das Objekt eingrenzt, um den Geist zu stabilisieren und ein
geistiges Nachbild zu erlangen - das Kennzeichen der angrenzenden Sammlung. Ist
dies erreicht, so sind die Hemmnisse überwunden, und der Prozeß läuft weiter
auf die Erfüllung der fünf Vertiefungsglieder (jhananga) zu. Dazu gehören
anfängliche und fortgesetzte Auffassung, Freude, Glücksgefühl und
Objektausrichtung. Sind diese fünf gleichmäßig entfaltet, so geht die
Konzentration in Vertiefung über. Man muß hier bemerken, daß die Hinneigung des
Geistes zu weltlichen Objekten in der Sammlungsübung eingesetzt und verstärkt
wird, bis ein geistiges Nachbild aufgefaßt wird, das dann als sinnlicher
Ausdruck des vorgestellten Inhaltes dient.
In der
Klarblickmeditation ist es genau umgekehrt: Die Übung wird unternommen, damit
der Geist sich von allen Objekten abstößt, sich von allem löst. Das kann nur
geleistet werden von überweltlicher Weisheit, die die Wirklichkeit bedingter
Phänomene durchdringend versteht und sich gleichzeitig davon löst, ihr entsagt,
sie aufgibt. Dann haben wir überweltliche Vertiefung, und das Verlöschen
(Nibbana) ist Objekt des Geistes. Die angrenzende Sammlung, oder Sammlung, die
an überweltliche Konzentration angrenzt.
Genau wie bei der
weltlichen angrenzenden Sammlung der Geist sich auf das erworbene geistige
Nachbild konzentriert, um das vollendete oder abstrakte Bild zu erreichen, das
mit der Vertiefung einhergeht, so unternimmt der Geist bei der Verwirklichung
des Edlen Pfades eine genaue Prüfung des Entstehungs- und
Vernichtungs-prozesses, in beide Richtungen, bei jedem Akt der Achtsamkeit, um
volles Verständnis der Vier Edlen Wahrheiten zu erlangen. Das ist dann
überweltliche angrenzende Sammlung. Die Geisteskraft Konzentration kann das
nicht bewirken, solange die anderen Bestandteile des Pfades noch nicht voll
entwickelt sind.
Achtsamkeit ist Reinheit
Ganz zu Anfang der Meditation hat Energie die Führung, bis momentane
Konzentration erzeugt ist. Dann, von der 'Reinheit des Geistes' an, übernimmt
Konzentration die Führung, während Achtsamkeit darin geübt wird, die
Konzentration im Moment zu halten. Aber wie sehr sich der Anfänger auch bemüht,
jedes einzelne Geschehnis genau zu beachten, er kann die Hinneigung des Geistes
zu den Objekten nicht kontrollieren. In dieser Phase kann es leicht geschehen,
daß die Konzentration von momentan zu (weltlicher) angrenzender Sammlung
überwechselt. Deshalb können geistige Bilder auftauchen, und die
Vertiefungsglieder werden stark. Einzelne Übende mögen sogar unvermutet in
Vertiefung gehen. Sie erleben ein plötzliches Verlöschen der Wahrnehmung und
glauben, sie wären jetzt heilig. Daran sieht man, daß in der Anfangsphase
momentane und angrenzende Sammlung sehr ähnlich sind. Erst wenn der vierte
Schritt des Klarblickwissens ausgereift ist, hat Achtsamkeit die Genauigkeit
und Kraft, daß sie ein Abweichen von momentaner Konzentration verhindern kann.
Von da an übt der Geist nur, sich zurückzuziehen, sich fernzuhalten, die
Phänomene loszulassen, sobald die Berührung erkannt wird.
Am Anfang sind
Achtsamkeit und Konzentration nur latente Kräfte (indriya), die entwickelt
werden müssen. Durch wiederholte Übung wachsen sie heran zu unüberwindlicher
Stärke (bala), zu Erleuchtungsgliedern (bojjhanga), und schließlich zu
Bestandteilen des Edlen Pfades (magganga).
Es ist also
wichtig zu wissen, daß momentane Konzentration, in den Anfangsstufen, der
weltlichen angrenzenden Sammlung sehr ähnlich ist und leicht umschlagen kann.
Erst vom vierten Klarblickwissen ab ist es dann reine momentane Konzentration,
kontrolliert von Achtsamkeit. Dann geht die Entwicklung auf das Erreichen
überweltlicher angrenzender Sammlung und Vertiefung zu. Das ist nicht leicht zu
erreichen, denn es ist sehr ungewohnt für den Geist, das Verlöschen
aufzufassen. Es dauert vergleichsweise lange, obwohl die Stärke der weltlichen
angrenzenden Sammlung schon auf dieser zweiten Stufe, der 'Reinheit des
Geistes', erreicht ist.
III.Reinheit der Ansicht
Mit 'Reinheit der Ansicht' tritt auch der erste Schritt des
Klarblickwissens auf, das 'Analytisches Wissen von Geist und Körper'. Die
Konzentration entsteht von Moment zu Moment in ununterbrochener Abfolge, und
die Achtsamkeit ist geschärft. Der Übende achtet jetzt weniger auf die
Vorstellungen, die den Wahrnehmungsprozeß überlagern, während er allmählich der
dahinterliegenden Realität gewahr wird.
1. Analytisches Wissen von Geist und
Körper
In dem Vorgang des Hebens und Senkens der Bauchdecke kann man nun den
Unterschied von Geist und Körper erkennen. In jedem Moment präsentieren sich
ein materieller Vorgang und ein geistiger Vorgang, der auf ihm beruht. Darüber
hinaus kann man auch verschiedene materielle Vorgänge an ihren besonderen
Merkmalen erkennen. Es wird hier z. B. klar, daß das Heben der Bauchdecke ganz
verschieden ist vom Senken. Wir haben es hier nicht mit ein und demselben
Körper zu tun, sondern einfach mit verschiedenen materiellen Vorgängen. Das gleiche
finden wir bei anderen Sinneswahrnehmungen, wie sehen, höhren, gehen, usw. Die
Achtsamkeit ist fixiert auf die gegenwärtig erlebte Wirklichkeit von Geist und
Körper, und es wird dem Übenden klar, daß es so etwas wie ein unabhängiges
Selbst nicht gibt. Die Vorstellung des Selbst ist eine falsche Vorstellung, die
auf die Erfahrung projiziert wird. Im Prozeß der materiellen und geistigen
Vorgänge ist es nicht zu finden.
Das 'Analytisches
Wissen von Körper und Geist' erkennt falsche Ansichten des Selbst zunächst
einmal, und verwirft sie dann. Das ist die 'Reinheit der Ansicht'.
IV. Reinheit der Überwindung von
Zweifeln
2. Wissen, das die Bedingtheit
durchdringt
Durch ausdauernde Übung des Bemerkens wird der Übende bald die Ursachen der
gegenwärtig auftauchenden Phänomene erkennen. Man notet zuerst die Absicht,
sich zu bewegen, und hinterher den materiellen Vorgang der Bewegung. Daher weiß
man, daß Materie vom Geist verursacht ist. Dann wieder bemerkt man zuerst die
materielle Bewegung, und unmittelbar darauf den Geist, der diese Bewegung
erlebt. Dadurch wird es klar, daß Bewußtsein nur entsteht, wenn da ein Objekt
ist, materiell oder geistig. Auf diese Weise erreicht man den zweiten Schritt
des Klarblickwissens, das 'Wissen, das die Bedingtheit durchdringt'. Durch
unmittelbare Erfahrung versteht man, daß jeder Vorgang, der bemerkt wird, von
Ursachen abhängt, die selbst auch bedingt entstanden sind. Man begreift, daß
dies in der Vergangenheit immer genauso gewesen sein muß und auch in Zukunft so
weitergehen wird. Wo auch immer die Bedingungen zusammenkommen, da können die
resultierenden Phänomene nicht verhindert werden. Sind aber andererseits die
Bedingungen nicht vorhanden, so kann man nichts erzeugen. Dies ist die
'Reinheit der Überwindung von Zweifeln' durch das'Wissen, das die Bedingtheit
durchdringt'.
V. Reinheit der Klaren Schau, was der
Pfad ist, und was nicht der Pfad ist
3. Wissen des Begreifens
Bei der Erforschung der Konditionierung, wie auch des Verlaufs
konditionierter Phänomene, zentriert sich die Aufmerksamkeit nun auf die drei
allgemeinen Merkmale. Der Übende stellt fest, daß ein Vorgang gänzlich
verschwindet oder aufhört, bevor ein neuer beginnt. Selbst bei einer langen
Folge des gleichen Objekts erlebt man sehr deutlich, daß jeder Moment sofort
wieder wegfällt.
- Alle diese Vorgänge sind vergänglich. Wenn sie
verschwinden,
bleibt nichts davon zurück.
- Das andauernde Auftauchen solcher Dinge, die wieder
zer-
brechen, wird als unbefriedigend erlebt. Es ist leidhaft.
- Sie gehorchen nicht unseren Wünschen, sondern ändern
sich
je nach den Bedingungen. Sie existieren nicht aus sich
selbst
heraus und können niemandes Besitz sein.
Dies ist der dritte Schritt der Klarblickweisheit, das 'Wissen des
Begreifens'. Auf dieser Stufe der Entwicklung treten häufig Phänomene auf, die
geistig verursacht sind. Lichterscheinung, überströmende Freude und
Glücksgefühle, innere Ruhe und unerschöpfliche Energie in der Übung weisen auf
dieses Wissen hin. Es gibt da eine große Verlockung, diese Phänomene als
definitive Ergebnisse der Übung zu betrachten und an ihnen anzuhaften. Der
Übende ist zufrieden mit sich selbst und mit seinen Erlebnissen und versäumt
es, Achtsamkeit auf diese 'Verzerrungen des Klarblicks' zu richten. Das sollte
man aber tun. Wenn man sie nur einfach notet wie alle anderen Ereignisse, dann
wird man sehen, daß auch diese besonderen Phänomene entstehen und vergehen wie
alles andere. Dann haftet man nicht an ihnen, und wenn man sich weiter in der
Übung bemüht, werden sie nach und nach aufhören.
Nun begreift der Meditierende, daß es in seinem eigenen Wesen nichts
Privates gibt, das etwa von dem Prozeß der Veränderung ausgenommen wäre. Er
gewinnt die Entschlossenheit, die Übung umfassend weiterzuführen und alles, was
geschieht, zu beachten, ohne daran festzuhalten oder sich zu identifizieren. Zu
dieser Zeit ist der Geist verfeinert durch die 'Reinheit der Klaren Schau, was
der Pfad ist und was nicht der Pfad ist'.
VI. Reinheit der Klaren Schau des
Übungsverlaufs
Bevor wir weitergehen,
lassen Sie mich noch einmal zusammenfassen, was bisher gesagt wurde. Zu Beginn
der Klarblickmeditation fällt es dem Übenden schwer, von der gewohnheitsmäßigen
Wahrnehmung von Konzepten und Vorstellungen wegzukommen und seine
Aufmerksamkeit auf das gegenwärtige Objekt zu richten. Wenn sein Betragen rein
ist und seine Konzentration bis zur 'Reinheit des Geistes' entwickelt, so
braucht er sich nur noch zu bemühen, mit dem Ablauf der Ereignisse Schritt zu
halten. Dann taucht allmählich Klarblickwissen auf. Zunächst fällt einem auf,
daß ständig neue Eindrücke erscheinen und die alten verdrängen. Man erkennt,
daß das, was da entsteht, nur körperliche und geistige Phänomene sind. Wenn der
zweite Schritt des Klarblickwissens erreicht ist, liegt das Hauptgewicht der
Aufmerksamkeit auf der statischen Phase: Zuerst kommt ein Erlebnis, dann das
nächste. Auf diese Weise wird das gegenseitige Aufeinanderberuhen von Geist und
Körper aus der Beobachtung heraus verstanden. Beim 'Wissen des Begreifens',
schließlich, liegt der Schwerpunkt auf der letzten Phase des Prozesses. Es wird
deutlich erkannt, daß ein Vorgang völlig verschwindet, bevor der nächste
beginnt.
An diesem Punkt im
Übungsverlauf ist das gegenwärtige Objekt in den drei Phasen des Entstehens,
der Dauer und des Verlöschens untersucht worden. Der Übende hat sich davon
überzeugt, daß bedingte Phänomene, die Objekte der Betrachtung, vergänglich,
unbefriedigend und substanzlos sind. Auf der Basis dieser klaren Wahrnehmung
der drei Merkmale arbeitet man nun auf die Befreiung hin, und taucht dabei
immer tiefer in die Natur der Wirklichkeit, während Achtsamkeit, Konzentration
und Weisheit ihrer Vollendung entgegengehen.
Die folgenden
Schritte des Klarblicks zeigen eine zunehmende Veränderung in der Art, wie diese
Wirklichkeit erlebt wird. Der Geist wird Schritt für Schritt freier von
Anhaften und Unwissenheit, um sich schließlich von der bedingten Existenz
abzuwenden und das Überweltliche zu erkennen.
4. Wissen vom Entstehen und Vergehen
Vorläufig beherrschen
Vorstellungen jedoch immer noch den Geist, und die Hemmnisse, wie auch einige
Phänomene, tauchen gelegentlich noch auf. Sie können die Konzentration aber
nicht ablenken und lassen sich durch achtsames Noten kontrollieren. Dann wird
es auf einmal einfach, dem Prozeß des Entstehens und Vergehens zu folgen. Die
Achtsamkeit arbeitet gleichmäßig, aber doch genau und kraftvoll, ohne besondere
Anstrengung. Die aufeinanderfolgenden Sinnesprozesse werden klar in ihrem
Entstehen und Vergehen erkannt. Das bringt wiederum die drei Merkmale klar zu
Bewußtsein. Dieser Schritt des Klarblicks heißt 'Wissen vom Entstehen und
Vergehen'.
5. Wissen der Auflösung
Nun werden die
Momente der Achtsamkeit beschleunigt. Man erkennt winzige Bruchteile von
Prozessen. Dadurch fallen konventionelle Vorstellungen und Begriffe völlig weg.
Das Heben und Senken der Bauchdecke scheint schneller zu werden. Man sieht nur
noch 'verschwinden, verschwinden'. Vertrauen, Energie, Achtsamkeit und
Konzentration gewinnen jetzt allmählich ein Gleichgewicht. Dadurch wird die
Weisheit gestärkt. Dem Übenden wird klar, daß selbst die Momente der
Achtsamkeit - das Bemerken - nichts weiter als bedingte Phänomene sind. Sie
folgen den Ereignissen unmittelbar und verlöschen dann. Dies ist das fünfte
Klarblickwissen, das 'Wissen der Auflösung'.
6. Wissen der Frucht
Das sechste Wissen
heißt 'Wissen der Frucht'. Da man ständig der momentanen Auflösung körperlicher
und geistiger Ereignisse gewahr ist, erkennt man, daß es in der Welt nichts
Zuverlässiges gibt. Es gibt keine Zuflucht und keine Sicherheit. Das Leben
brennt fort von Moment zu Moment wie Lunte.
7. Wissen des Elends
Danach folgt der
siebte Klarblickschritt, das 'Wissen des Elends'. Für den Übenden hat alles die
Lebenswärme verloren. Alle Objekte, alle Bewußtseinszustände sind wie eine
abgestreifte Schlangenhaut. Die Schlange ist nicht zu finden. Nichts existiert
wirklich, wie man es vorher immer annahm. Es gibt nur den Prozeß bedingter
Phänomene, die den Naturgesetzen zufolge abrollen. Das alles ist fürchterlich
bedrückend.
8. Wissen des Überdrußes
Der achte
Klarblickschritt heißt 'Wissen des Überdrusses'. Man ist völlig ernüchtert
hinsichtlich Körper und Geist, den fünf Aggregaten des Anhaftens. Man weiß ganz
klar, daß es in ihnen kein Glück zu finden gibt. Diese Erkenntnis löst ein
Gefühl von Müdigkeit aus, von Überdruß. Aber es gibt keine Alternative:
Angesichts des ununterbrochenen Wechsels von Erlebnissen und ihrer Auflösung
wächst die Überzeugung heran, daß nur ihr endgültiges Verlöschen wirkliches
Glück bedeutet.
9. Wissen des Verlangens nach Befreiung
Deshalb entsteht
allmählich eine Sehnsucht, befreit zu sein von diesem Prozeß des Zerbröckelns
und das Verlöschen zu erreichen. Obwohl man weiter meditiert, wünscht man nur,
dem Bann bedingter Existenz zu entkommen. Dies ist das 'Wissen des Verlangens
nach Befreiung', der neunte Klarblickschritt.
10. Wissen der Großen Bemühung
Als Reaktion auf
das Verlangen nach Befreiung macht der Übende nun eine erneute Anstrengung in
der Meditation. Wenn er die Übung des Bemerkens ernsthaft weiterführt, wird er
am Ende dem Zustand des Leidens entrinnen. So erreicht er das 'Wissen der
Großen Bemühung', den zehnten Klarblickschritt. Da ist dann plötzlich wieder
viel Energie und Entschlossenheit, die Entwicklung weiterzuführen. Die
Meditation wird sehr ausgeglichen und lückenlos. Die drei Merkmale stehen immer
im Vordergrund.
11. Wissen des Gleichmuts vor Gebilden
Der elfte Schritt
des Klarblickwissens, der letzte zur sechsten Reinheitsstufe gehörende, ist das
'Wissen des Gleichmuts vor Gebilden". Gebilde bezieht sich hier auf die
Erlebnisse der körperlichen und geistigen Phänomene, die uns dauernd umgeben.
Die Meditation läuft jetzt wie von selbst. Der Übende fühlt sich losgelöst von
Körper und Geist. Man kann lange sitzen, ohne sich zu bewegen. Man kennt keine
Vorliebe, keine Sorge, keinen Überschwang. Wenn man die Aggregate des Anhaftens
ergreift, entsteht bloß Unbefriedigung. Also bleibt der Geist frei davon. Alle
Erlebnisse werden mit großer Klarheit registriert.
Dies ist die
Erfüllung der 'Reinheit der Klaren Schau des Übungsverlaufs'.
VII. Reinheit der Klaren Schau
Während des
Übungsverlaufs hat die Konzentration ständig zugenommen. Inzwischen hat sie
schon die Stärke der Vertiefung erreicht. Sie ist aber weiterhin auf die
wechselhaften Sinneseindrücke gerichtet, die auf Körper und Geist einwirken.
Der Geist ist währenddessen unverrückbar auf das gegenwärtige Objekt
eingestellt. Es geht nicht mehr verloren. Der Übende betrachtet die drei Merkmale
anhand der Auflösung der Daseinsgebilde von Moment zu Moment.
Die nun folgenden
Schritte des Klarblicks treten auf in rascher Abfolge, ohne die geringste
Verzögerung. So wie beim Einschalten einer Lampe die Bewegung des Schalters,
der Stromfluß, das Aufleuchten der Birne, die Wahrnehmung des Lichts und das
Erkennen dieser Wahrnehmung ohne Verzögerung geschehen, so geht es auch mit dem
Aufblitzen überweltlicher Weisheit.
Wenn das 'Wissen
des Gleichmuts vor Gebilden' stark wird, erreicht der Übende den Höhepunkt des
Klarblickwissens, den 'Klarblick, der zum Entrinnen führt'. Im Zuge des
Bemerkens wird eines der drei Merkmale besonders deutlich wahrgenommen. Mit dem
Erscheinen des 'Klarblicks, der zum Entrinnen führt' wird dieses Merkmal
wiederholt mit solcher Klarheit erkannt, daß alle besonderen Merkmale des
Objekts verblassen.
12. Wissen der Anpassung
Übereinstimmung mit den Vier Edlen
Wahrheiten
Hier beginnt der Bewußtseinsprozeß des Edlen Pfades. Bis hierher handelt es
sich noch um weltliche Weisheit. Der Geist hat aufgrund seiner Hinwendung die
ständig wechselnden Gebilde zum Objekt der Betrachtung. Durch die lebhafte
Wahrnehmung der drei Merkmale gewinnt er nun die Kraft, sich abzuwenden von den
auftauchenden und verschwindenden Ereignissen, um ihr völliges Verlöschen zu
erkennen. Das 'Wissen der Anpassung' ist die eigentliche angrenzende Sammlung
in der Klarblick Meditation. Die Erkenntnis stimmt hier mit den Vier Edlen
Wahrheiten überein. Dieses Wissen faßt den gesamten Übungsverlauf der sechsten
Reinheitsstufe zusammen, und sammelt die gebündelte Kraft der Betrachtung, die
in den zurückliegenden Wissensschritten, dem sogenannten Vorbereitenden Pfad,
angesammelt wurde. Der Geist ist nun bereit, einige der Fesseln, die ihn an
bedingte Existenz binden, abzustreifen.
13. Reifewissen - Wechsel der
Zugehöhrigkeit
Dieses Wissen
gehört auch zum Bewußtseinsprozeß des Edlen Pfades, und es erscheint
unmittelbar nach dem 'Wissen der Anpassung'. Seine Aufgabe ist es, den Übergang
herzustellen zum völligen Verlöschen aller Daseinsgebilde. Nibbana ist hier das
Objekt des Geistes, und die Konzentration ist auf Vertiefungsstärke
angewachsen. Das 'Wissen der Reife' markiert den Übergang von weltlichem zu
überweltlichem Geist. Beim Individuum sprechen wir von der Wandlung vom
Weltling zum Edlen Menschen.
14. Pfadwissen
Dies ist der
Moment wo überweltliche Weisheit erlebt wird. Der Geist ist vertieft in die
Abwesenheit von Daseinsgebilden und erfährt so, durch unmittelbare Berührung,
die ungeschaffene, ungeborene Wirklichkeit des Verlöschens. Die vereinte Kraft
der acht voll entwickelten Pfadglieder zertrennt die Fessel der falschen
Ansicht des Selbst, die Fessel des Zweifels über die Wahrheit und die Fessel
des Glaubens an die Wirksamkeit von Ritualen zum Erreichen von Reinheit,
Weisheit und Befreiung. Diese Fesseln haben von nun an keine Macht mehr über
den Geist. Deshalb wird dieser Mensch jetzt ein Edler Mensch genannt. Er ist in
den Strom, der zur Befreiung führt, eingetreten. Der Moment des Pfadbewußtseins,
das nur einen Sekundenbruchteil dauert, heißt der 'Einzelne Bewußtseinsmoment
des Edlen Pfades'.
15. Fruchtwissen
Für zwei oder drei
Momente verharrt der überweltliche Geist im Verlöschen aller Gebilde, vertieft
in Nibbana als Objekt.
16. Wissen des Rückblicks
Für den Übenden
erscheinen die Wissenschritte zwölf bis fünfzehn als ein einziger Akt des
Bemerkens. Ist der Geist wieder auf die weltliche Ebene zurückgekehrt, wird das
Geschehene überblickt. Man kann sich erinnern, daß eines der drei Merkmale mit
überragender Klarheit in einer raschen Folge des Bemerkens wahrgenommen wurde.
Danach brachen alle Eindrücke für einen Moment ab. Der Gedanke: 'Was war das
denn?' ist das 'Wissen des Rückblicks'.
Zum Beschluß
Die Entwicklung
des Geistes, wie sie von Buddha gelehrt wurde, hat nur mit der Übung der
Klarblick Meditation (Vipassana) zu tun. Durch die beständige Hinwendung auf
den gegenwärtigen Moment, in dem Bemühen, ihn klar zu erfassen, wird der Geist
von falschen Ansichten und der Verhaftung in weltlichen Bedingungen befreit.
Die Auflistung der acht Bestandteile des Achtfachen Pfades setzt jedesmal die
Klassifikation 'recht' oder 'richtig' dazu. Soweit die Klarblick Meditation
davon betroffen ist, bedeutet dies, daß die Geisteskräfte, die Pfadglieder
heißen, auf den gegenwärtigen Moment gerichtet sein müßen. Rechte Rede besteht
in der Übung des Bemerkens und Benennens eines jeden Objektes, soblad es erlebt
wird. Rechtes Handeln besteht in der Hinwendung des Geistes auf die Gegenwart.
Rechter Lebenserwerb besteht in der gesunden Ernährung des Geistes durch die
Überwindung der Hemmnisse, sodaß unheilsame Bewußtseinskräfte nicht mehr Fuß
fassen können. Rechte Anstrengung liegt in dem Bemühen, sich von Anhaften zu
befreien, den Klammergriff des Festhaltens zu lockern. Rechte Achtsamkeit
betrachtet das jeweilige Objekt in seinem Entstehen und Vergehen. Rechte
Konzentration ist momentane Konzentration, die den Geist auf den Fluß der
wechselnden Ereignisse richtet. Rechtes Denken besteht im Erkennen der drei
Merkmale, die nur über das gegenwärtige Objekt wahrgenommen werden können.
Rechtes Verständnis ist das korrekte Wissen der wahren Natur bedingter
Phänomene und führt zur Erkenntnis der Vier Edlen Wahrheiten. Wenn der
Achtfache Pfad völlig entwickelt ist, dann erlebt man selbst, daß alles, was
entsteht, auch dem Verlöschen unterworfen ist, und daß es nichts weiter als
Leiden ist, was da verlöscht. Das Verlöschen des Leidens ist der Inbegriff
echten und dauernden Glücks.
Während des
Übungsverlaufs gibt es einige Schritte der Klarblickweisheit - die
Wissensschritte der Frucht, des Elends, des Überdrusses - die auf jemanden, der
ohne entsprechende Meditationserfahrung darüber hört, vielleicht abschreckend
wirken können. Hierzu muß man wissen, daß die Gefühle von Furcht oder Elend, um
die es sich hier handelt, gründlich verschieden sind von den gewöhnlichen
Gefühlen. In der Klarblick Meditation werden sie nicht von Anhaften am Körper
oder dem Verlangen nach Genuß verursacht. Im Gegenteil: Anstelle von Verblendung
und Anhaften ist die Ursache dieser Erlebnisse in der lebhaften Wahrnehmung der
Wirklichkeit mit Weisheit zu sehen. Konzentration und Achsamkeit haben hier ein
hohes Niveau erreicht. Daher werden die Erlebnisse von Furcht oder die
Wahrnehmung des Elends vom Meditierenden nicht als Objekte der Identifikation
aufgefaßt. Man erkennt unmißverständlich, daß kein eigenständiges Selbst an dem
Prozeß beteiligt ist. Es handelt sich hier nur um die weisheitsvolle Erkenntnis
der drei Merkmale, die die furchteinflößende Unsicherheit von Geist und Körper
und das Elend der Abhängigkeit von wechselhaften Bedingungen deutlich vor Augen
führen. Der Meditierende weiß, daß seine Erkenntnis für Vergangenheit,
Gegenwart und Zukunft gleichermaßen gültig ist. Er hat grüblerisches Zweifeln
hinter sich gelassen, er kennt den korrekten Weg geistiger Entwicklung, und er
hat Vertrauen in die Weisheit Buddhas gefaßt. Daher wird er zuversichtlich
weitergehen und schließlich die nötige Willenskraft aufbringen, um die
Entwicklung bis ans Ziel fortzusetzen.
Die Verwirklichung
von geistiger Reinheit und meditativem Klarblick durch Entfaltung der
Achtsamkeit ist der Weg zur Befreiung, der von aufeinanderfolgenden Buddhas
immer wieder neu entdeckt und gelehrt wird. Zahllose Schüler sind diesem Weg
gefolgt und haben so dem Leiden ein Ende bereitet. Das ist heute weiterhin
möglich. Die Natur der Wirklichkeit ist allezeit um uns. Wir können sie
erkennen, wenn wir unseren Geist entwickeln, und diese Erkenntnis wird auch uns
befreien.
Wer also die
Stufen der Reinheit erreichen und Weisheit heranbilden möchte, sollte jede
Gelegenheit wahrnehmen, Klarblick Meditation zu üben und die Vier Grundlagen
der Achtsamkeit zu entwickeln. Man möge den Rat erfahrener Meditierer suchen,
um sich mit den Einzelheiten der Übung bekannt zu machen und bald konkrete
Ergebnisse zu erzielen. Man möge sich mit Gleichgesinnten im Gespräch und in
der Übung zusammentun und sich gegenseitig in der Bemühung unterstützen. So
wird die Buddhalehre, die Lehre der Wahrheit, auch in unserer Zeit eine weite
Verbreitung erfahren, wie es in der Vergangenheit viele Jahrhunderte lang war.