SELBER KLARBLICK ÜBEN
Ein Leitfaden für
Achtsamkeit

von Phra Acharn Thawie
Baladhammo
(übersetzt von
Christoph Bank)
Inhalt
VORWORT
EINFÜHRUNG
TEIL I
DIE ÜBUNG
Die vier Grundlagen der Achtsamkeit
Die fünf Anhäufungen
Sitzmeditation
Gehen und Stehen
Die weiteren Schritte
MEDITATIVE PHÄNOMENE (SABHAVA)
HINDERNISSE IN DER KLARBLICKÜBUNG
Hindernisse der Ungeübten
Die fünf geistigen Hindernisse
Hindernisse der mittleren Stufe
Hindernisse der entwickelten Stufe
AUSGLEICH DER FÄHIGKEITEN
Die fünf geistigen Fähigkeiten
JENSEITS VON EINTRÜBUNG UND HANDELN
Eintrübung, Handeln und Ergebnis
Der Achtfache Pfad im Klarblick
Für das Verlöschen des Verlangens üben
TEIL II
DIE ERGEBNISSE DER ÜBUNG
Die Reinheitsstufen und Klarblickschritte
DER VOBEREITENDE PFAD
Wissen von Geist und Körper
Wissen der Bedingtheit
Wissen des Begreifens
Wissen vom Entstehen und Vergehen
Verzerrungen des Klarblicks
Vier Arten der Selbstvergessenheit
DER KLARBLICKPFAD
Wissen der Auflösung
Wissen der Furcht
Wissen des Elends
Wissen des Überdrusses
Wissen des Verlangens nach Befreiung
Wissen der Großen Bemühung
Wissen des Gleichmuts vor Gebilden
Sechs Eigenschaften des Gleichmuts
DER ÜBERWELTLICHE PFAD
Klarblick, der zum Entrinnen führt
Wissen der Anpassung
Wechsel der Zugehörigkeit
Pfad, Frucht und Rückblick
Wiederkehr des Fruchtbewußtseins
Die Vorzüge des Klarblicks
Über den Autor
Durchschaue Dich Selbst
VORWORT
Die Gesellschaft ist heute ganz
materialistisch geworden. Das Bedürfnis nach materiellen Gütern wächst und
wächst. Und nie hört man das Wort “Genug!” Mächtige Begierden zwingen die
Menschen, unablässig für die Befriedigung ihrer Wünsche zu arbeiten. So steht
es in der heutigen Zeit um die Gesellschaft und den Einzelnen. Aufgrund dieser
Entwicklung interessieren sich die Leute nicht mehr für ihr eigenes geistiges
Wohl. Sie halten sich fern von den Lehren, die sie aus ihrer Hetze herausführen
könnten.
Die Menschen sind heutzutage wie Vögel.
Morgens verlassen sie ihr Nest, um Futter für den Tag zu suchen. Wenn der Abend
naht, kehren sie müde und erschöpft nach Hause zurück. Morgens raus, abends
zurück, so ist das Leben im Alltag – besonders für Leute, die in Hochhäusern
ihr Nest haben, da liegt der Vergleich auf der Hand.
Aus solchen Gründen sind die Menschen geistig
starr und angespannt. Das macht sie egoistisch und ihre Handlungen chaotisch.
Sie geben jeder Laune nach, und es fehlt ihnen die Achtsamkeit, die sie davor
bewahren würde, sich in Situationen zu bringen, die ansonsten unmöglich wären.
Und es sieht nicht nach einer Besserung der Lage aus.
Gegenwärtig leiden immer mehr Menschen unter
geistigen Störungen und Neurosen. Ob sie nun Akademiker oder Industrielle sind,
Banker, Geschäftsleute, oder Politiker – egal welchen Beruf sie ausüben, alle
sind mehr oder weniger nervenkrank. Man muß kein Neurologe sein, um zu
ergründen, woran es liegt, daß mehr und mehr Menschen nervenkrank werden. Vor
allem in den Großstädten ist es offenbar: Man ist kaum aufgewacht, da geht es
schon los mit Anspannung und Hetze. Kinder wie Erwachsene, alle müssen loshetzen,
um noch den Bus zu kriegen: Zur Schule, zur Arbeit, ins Geschäft, Frühstück
kaufen, und was es sonst noch gibt. Wenn man dann unter Druck gerät, fehlt
einem die Toleranz und man regt sich leicht auf. Kommt man schließlich an den
Arbeitsplatz, muß man sich mit unfreundlichen Kollegen oder verheerenden
Arbeitsbedingungen herumärgern. Davon wird man auch nicht ruhiger.
Wenn man dann abends nach Hause kommt, und da
erwarten einen nur Familienprobleme, dann ist die neurotische Spannung schon
bedenklich. Wie soll man in diesem Zustand schlafen? Man liegt wach und wälzt
Probleme: Arbeit, Geld und all die tausend Dinge, die einem auf dem Herzen
liegen. Geist, Nerven und Gehirn wollen sich auf natürliche Weise regenerieren,
müssen aber weiter arbeiten. Genau das sind doch die Probleme, die uns tagaus,
tagein nur neurotischer machen.
Da dürfte ein Handbuch für Vipassana von
Nutzen sein für diejenigen, die keine Gelegenheit haben, in ein
Meditationszentrum zu gehen, wo sie bei einem Lehrer üben könnten. Oder auch
für diejenigen, die zu viele Verpflichtungen haben und nicht von zu Hause weg
können.
Sie können dieses Buch als Handbuch für die
Übung benutzen, indem Sie mit zehn, zwanzig oder dreißig Minuten als Übungszeit
beginnen. Üben Sie abwechselnd im Sitzen und im Gehen, und setzen Sie die Übung
fort, solange Sie sich dafür aussehen.
Zwingen Sie sich nicht zu sehr. Tun Sie es
vertrauensvoll, mit freudigem Geist. Entspannen Sie sich, sodaß die geistige
Starre und Verkrampfung von Ihnen abfällt und der Geist friedlich und ruhig
wird.
Aus dieser Ruhe entsteht inneres Glück. Dann
werden Sie selber verstehen, wie man die vielfältigen Alltagsprobleme ablegen
kann. Sie werden gesund werden an Leib und Seele und die Kraft finden, die
Alltagsprobleme zu bewältigen, egal ob es sich um geschäftliche Dinge handelt,
oder um die chaotischen globalen Verhältnisse, die aus der Zerstörung der
Umwelt entstehen. Fortschritt im Leben des Einzelnen und gesellschaftlicher
Aufschwung wird das Ergebnis sein.
August
2527 / 1984
Acharn
Thawie Baladhammo
Bangkhla / Chachoengsao/THAILAND
EINFÜHRUNG
F:
Meditation heißt in Pali kammatthana. Was bedeutet dieses Wort kammatthana
eigentlich?
A: Das
Wort kamma bedeutet Handeln oder Übung, und das Wort thana bedeutet
Basis oder Grundlage. Kammatthana ist also die Grundlage des Handelns,
oder die Ursache der Entwicklung.
F: Was
bedeutet samatha kammathana?
A: Das
Wort samatha bedeutet Ruhe oder Frieden des Geistes. Samatha
kammatthana bedeutet daher Übung für Geistesruhe oder geistige Entwicklung,
die auf Beruhigung aufbaut.
F: Was
bedeutet vipassana kammatthana?
A: Die
Silbe vi- bedeutet überaus, klar-, oder vielfältig. Das Wort –passana
bedeutet sehen, direkte Wahrnehmung und rechte Ansicht der
Wirklichkeit.
Vipassana kammatthana ist also die Übung der rechten Ansicht der Wirklichkeit,
oder geistige Entwicklung, um ein klares Wissen zu erreichen über die allen
Wirklichkeiten zugrundeliegende Wahrheit.
F: Warum
gibt es in der Buddhalehre nur zwei Aufgaben zu erfüllen, die Aufgabe, die
Lehre zu studieren (ganthadura) und die Aufgabe, Klarblick zu üben (vipassanadhura),
aber samatha wird nicht erwähnt?
A:
Buddha hat mit äußerster Geduld, Beharrlichkeit und Anstrengung nach der
Befreiung von den Leiden der Wiedergeburt im Samsara gesucht – dem
Kreislauf von Geburt, Alter, Krankheit und Tod. Er suchte das Mittel, das
weltliche Voreingenommenheit (sava) und geistige Trübung (kilesa)
auslöschen kann, denn die sind dafür verantwortlich, daß wir weiter in diesem
Kreislauf verbleiben.
Zunächst lernte er von zwei namhaften Lehrern,
Alara Kalama und Uddaka Ramaputta, bis er ihnen an Wissen
ebenbürtig war und die höchsten unkörperlichen Vertiefungen beherrschte. Aber
dann wurde ihm klar, daß diese Disziplinen nicht zur vollen Erleuchtung führen,
und er suchte weiter auf eigene Faust, bis er die Vier Edlen Wahrheiten
entdeckte, die den Geist völlig von allen Eintrübungen befreien. Und so wurde
er Buddha, der Erwachte.
Dann verkündete er, daß er die volle
Erleuchtung aus eigener Kraft erlangt hatte. In seiner ersten Lehrrede vor den
fünf Asketen im Hirschpark von Isipatana, in der Nähe von Benares – dem
Ingangsetzen des Rads der Lehre (Dhammacakkappavattana-sutta) – erklärte
Buddha den Edlen Achfachen Pfad, den Mittleren Weg, dessen wichtigster
Bestandteil rechte Ansicht (sammaditthi) ist. Damit ist die Weisheit (panna)
gemeint, welche die Vier Edlen Wahrheiten erkennt. Die Übung des Achtfachen
Pfades besteht in der Übung der Klarblickmeditation. Das ist die Aufgabe der
praktischen Übung (vipassanadhura).
Was aber nun ganthadhura betrifft, da
geht es darum, die Grundlagen der Klarblickmeditation zu studieren, um die
Übungsmethode zu verstehen. Den größten Teil seines Lebens verbrachte Buddha
damit, den Leuten zu erklären, daß Körper und Geist vergänglich, leidhaft und
kein Selbst sind. Solche Lehren gab er denjenigen seiner Schüler, die die
Übungsmethode noch nicht verstanden, bis sie selber begriffen hatten. Dann
verneigten sich die Schüler vor dem Buddha, zogen sich in die Waldeinsamkeit zurück
und übten die Lehre mit voller Entschlossenheit, bis sie die höchsten Stufen
der Verwirklichung gewannen. Sie wurden Edle Menschen (ariya puggala) zu
Buddhas Lebzeiten.
Samatha kamatthana gab es allerdings schon lange bevor Buddha in der Welt
erschien. In jeder Religion gab und gibt es diese Art der Meditation, geübt von
den Weisen, Asketen, Einsiedlern und Mönchen dieser Religionen. Nachdem Buddha
diese Dinge gründlich studiert und geübt hatte, erkannte er, daß er den Weg zur
Überwindung weltlicher Voreingenommenheit noch nicht gefunden hatte.
Vipassana kammatthana ist aber die Übung, die Buddha selbst entdeckt und
praktiziert hat. Sie ist nur in der Lehre des Buddha zu finden. Deshalb gibt es
in der Buddhalehre nur zwei Aufgaben: Klarblickmeditation zu üben und die
Theorie dieser Methode zu studieren.
F: Was
ist der Unterschied zwischen samatha kammatthana und vipassana
kammatthana?
A: Sie
unterscheiden sich in den Objekten der Betrachtung und haben verschiedene
Methoden und Ziele. Samatha kammatthana beruht auf vorgestellten
Objekten, oder Objekten, die hergestellt werden müssen, wie die zehn Scheiben (kasina)
– Objekte, die kreisförmig vorbereitet werden müssen und zum Beispiel die vier
Elemente darstellen. Die Übung von samatha kammatthana hat als Ziel die
Geistesruhe. Die Methode hängt im Wesentlichen von der Entwicklung der
Konzentration auf das Objekt – hier ‘Bild’ genannt – ab, vom ursprünglichen
Objekt, dem Vorbereitenden Bild (parikamma nimitta), über das Erworbene
Bild (uggaha nimitta) bis zur Erlangung des Abstrakten Bildes (patibhaga
nimitta). Durch die Übung werden die fünf Vertiefungsglieder entwickelt –
anfängliche und fortgesetzte Auffassung, Freude, Glücksgefühl und
Objektausrichtung – und wenn sie die nötige Stärke erreicht haben, tritt man in
die erste Vertiefung (jhana) ein, die erste der feinkörperlichen
Bewußtseinsebenen.
Die Objekte der Klarblickmeditation,
andererseits, sind die fünf Anhäufungen (pancakkhandha ) von Körper (rupa)
und Geist (nama). Das Ziel der Klarblickübung ist die Verinnerlichung
der höchsten Qualitäten der Lehre und damit der Eintritt in die vier Ebenen der
Edlen: Stromeintritt, Einmalwiederkehr, Niewiederkehr und Heiligkeit. Auf
dieser höchsten Ebene ist die Notwendigkeit beseitigt, immer wieder
zurückzukommen, um Geburt und Tod zu durchlaufen. Die Einzelheiten dieser Übung
werden in den folgenden Kapiteln erklärt werden.
F: Müssen
wir die Richtlinien der Klarblickmeditation erst kennen, bevor wir mit der
Übung beginnen können?
A: Wir
sollten zumindest die Grundbegriffe oder den Kern der Lehre kennen: Die Vier
Edlen Wahrheiten, oder die zwei Wege der Wahrheit – den Weg des Leidens und den
Weg der Aufhebung des Leidens.
Der Weg, der zum Leiden führt, ist Begierde (tanha),
das Verlangen nach weltlichen Objekten – also Formen und Farben, Geräuschen,
Düften, Geschmäcken, und Berührungen, sowie feinkörperlichen Objekten und
Geisteszuständen. Das Verlangen führt zum Anhaften an weltlichen Objekten, die
Geburt, Alter, Krankheit und Tod mit sich bringen und uns hineinziehen in den
Strudel des unaufhörlichen Wechsels.
Der Weg der Aufhebung des Leidens, das ist der
Achtfache Pfad, der Mittlere Weg, der in der Erkenntnis der Wirklichkeit
besteht, zur Gewinnung des Edlen Pfades und seiner Frucht führt, und in Nibbana
mündet. Dies ist der Weg, die Eintrübungen des Geistes (asava-kilesa)
vollständig aufzulösen. Es ist der Weg derer, die ein religiöses Leben (brahmachariya)
führen, der Weg der Geläuterten. Es ist der Weg des Entkommens aus dem
ständigen Geborenwerden und Sterben im Kreislauf des Samsara, indem man
die Wahrheit selbst erfährt, daß Leiden (dukkha) erkannt werden muß, daß
die Ursache (samudaya) beseitigt werden muß, daß das Verlöschen (nirodha)
verwirklicht und der Pfad (magga) entwickelt werden muß.
F:
Besteht für den Meditierenden, der diese Methode übt, irgendeine Gefahr?
A: Die
Übung kann gefährlich werden, wenn der Übende die Richtlinien der
Klarblickmeditation noch nicht richtig versteht, oder wenn man anhand von
Büchern meditiert und sich ein eigenes Verständnis zurechtlegt. Wenn man ohne
die Führung eines qualifizierten Lehrers üben muß, der beständig auf den
rechten Weg hinweist, und im Laufe der Übung tauchen meditative Phänomene (sabhavadhamma)
auf, dann glauben manche, sie hätten einen Durchbruch erreicht und die
Erleuchtung erfahren. Einige Übende entwickeln eine Vorliebe für bestimmte
geistige Wahrnehmungen (nimitta), Lichterscheinungen, Bilder oder
plastische Vorstellungen. Das kann bis zur Besessenheit gehen. So etwas ist
allerdings eher in der Sammlungsübung anzutreffen. Da arbeitet man ja mit
vorgestellten Objekten (kasina), man konzentriert sich auf geistige
Bilder mit Verblendung, d. h. man erkennt nicht die wahre Natur der
Sinneserfahrung. Wenn sich das Objekt, auf dem die Konzentration beruht,
plötzlich verändert, oder ein erschreckendes Bild taucht plötzlich auf, kann es
passieren, daß man die Kontrolle verliert und durchdreht.
Aber die Klarblickmeditation besteht darin,
daß man in jedem Moment des Ausatmens und Einatmens die Achtsamkeit anwendet.
Durch die Übung werden Weisheit (panna) und klare Auffassung (sampajanna),
sowie Anstrengung (viriya) entwickelt. Diese drei Geisteskräfte arbeiten
zusammen in der Bemühung, das gegenwärtige Objekt in jedem Moment zu noten.
Wann immer ein Objekt auftaucht, seien Sie sich nur dieses Objektes bewußt, wie
es wirklich ist. Dann lassen Sie dieses Objekt von Moment zu Moment los, denn
alles, was in unserer Erfahrung auftaucht, muß auch auf natürliche Weise wieder
vergehen. Egal, welche besonderen Eigenschaften oder Merkmale das Objekt hat,
es taucht auf und verschwindet dann wieder. Es ist die Edle Wahrheit des
Leidens (dukkha ariyasacca), die da entsteht und vergeht. Dieser Vorgang
ist schwer zu ertragen, er ist leidhaft. Wenn die Übenden dies nur verstehen
können, dann birgt die Übung der Klarblickmeditation keine Gefahr. Im
Gegenteil, sie wird uns zu Menschen mit höherer Bewußtheit und Erkenntniskraft
machen.
F: Manche
Leute sagen, wer meditiert, verliert den Anschluß, macht keinen Fortschritt
mehr in der Welt, wird stur und altmodisch, ist jedenfalls nicht mehr auf der
Höhe der Zeit. Was sagen Sie dazu?
A: Jeder,
der in diese Welt geboren ist, muß ein Ziel im Leben haben. Er sollte wissen,
worauf es im Leben wirklich ankommt. Um sein Leben zu entwickeln und ein Mensch
von höchster Tugend zu werden, was muß man da tun? Ob ein Mensch gut oder
schlecht ist, hängt von seinem eigenen Geist ab. Das können wir selber
nachprüfen. Dann sind wir immer auf der Höhe der Zeit.
Wir leben im Zeitalter der Naturwissenschaft.
Wir benutzen Technologie, Computer und Atomenergie zur Untersuchung,
Erforschung und Ausbeutung der materiellen Welt und wir verfolgen damit
materielle Zwecke. Wir setzen unseren Geist ein, um nach solchem Wissen zu
suchen, und wir konkurrieren in der Erzeugung materieller Dinge. Kurz gesagt:
Wir sind Materialisten. Das nennen wir dann Fortschritt. Es ist aber nur
weltliches Wissen. Wenn wir es richtig einsetzen, auf friedliche Weise
verwenden, dann wird es der ganzen Menschheit zugute kommen. Nutzen wir dieses Wissen
aber mit Gier, Haß und Verblendung (lobha, dosa, moha), dann wird das
Ergebnis unweigerlich die Vernichtung der Menschheit sein. Es wird alles in der
Welt zerstören. Und dann wird keine Entschuldigung und keine Ausrede mehr
gelten für die, die sagen: “Ich bin ein Pionier, ich bin Wissenschaftler,”
oder: “Ich bin auf der Höhe der Zeit.” Ist das nun Gewieftheit oder ist das
nicht viel mehr Dummheit in den Herzen derjenigen, die vom Materialismus in die
Irre geleitet werden, bis sie vergessen, daß das Wichtigste im Leben Dhamma
ist. Dhamma, das ist die Natur, die ist immer auf der Höhe der Zeit!
Wer Dhamma studiert und praktiziert, Dhamma
selbst erforscht und sich von der Wahrheit überzeugt, Dhamma analysiert
und für das praktische Leben nutzt, der benutzt Dhamma, um Verlangen und
übersteigerte Begierden, Ärger, Neid und Verblendung zu kontrollieren, die ihn
dem Alkohol und dem Rauschgift in die Arme treiben. Wenn unser Geist nicht mehr
getrübt ist von den Eintrübungen des Herzens, dann ist dieser Geist klar und
ruhig, und er kennt die Wirklichkeit der Natur wie sie wirklich ist.
Dann wird das Leben erfüllt sein von wahrem
Glück. So jemand kennt die Gesetzmäßigkeiten der weltlichen Prozesse wie auch
die Prinzipien des Dhamma, und er wird dieses Wissen beim Studium und bei der
Führung seines Geschäfts anwenden, um Fortschritt und Wohlstand in der Zukunft
zu gewährleisten, und er wird darin besser sein als jemand, der sich nicht für Dhamma
und für das Funktionieren seines eigenen Geistes interessiert, der nichts über
den Zusammenhang zwischen den geistigen Eintrübungen, den Taten und deren
Wirkungen (kilesa, kamma, vipaka) weiß und nicht versteht, daß die Vier
Edlen Wahrheiten, der Achtfache Pfad, die Vier Grundlagen der Achtsamkeit – daß
dies die Lehren sind, die unsere Probleme lösen können, die Lehren, die zum
Aufhören des geistigen Leidens im Leben führen, die Lehren, die wir benutzen
können, um den Geist von der niedrigen Stufe eines Weltlings (puthujjana)
zu der hohen Gesinnung eines Edlen (ariya puggala) zu entwickeln.
Auch in unserer modernen Zeit gilt die
Herausforderung für jeden von uns, selber heranzukommen an die Wirklichkeit und
sich zu überzeugen, wie sie ist ohne die Begrenztheit der zeitlichen
Endlosigkeit, und jemand, der das in der Praxis nachprüft: Der weiß es
aus eigener Erfahrung! So jemand ist besser als die, die nichts wissen wollen
von der Lehre und sie nicht üben. Das sind doch in Wahrheit die
Zurückgebliebenen, die nicht mit der Zeit gehen, wie vorgeschichtliche
Fossilien.
F: Was
sind die vier förderlichen Hilfsmittel (sappaya) für Meditierende?
A: Zur
Zeit Buddhas sollten die Meditierenden folgende vier günstige Bedingungen für
die Übung aufsuchen:
In der heutigen Zeit sollten wir nach einem
Meditationszentrum Ausschau halten, wo Klarblickmeditation gelehrt wird und die
vier förderlichen Bedingungen, wie beschrieben, vorhanden sind, das heißt
angenehme Unterbringung, Essen ist leicht zu bekommen und angemessen, es gibt
einen Vipassana Lehrer, der auf dem Gebiet der Klarblickmeditation
Erfahrung hat, und die Methode ist auf den Meditierenden abgestimmt.
Gegenwärtig ist das Allerwichtigste nur der
Meditationslehrer. Er sollte sorgfältig analysieren und unterweisen, denn es
ist für uns Heutige schwierig, so gute Lehren zu finden wie es sie in Buddhas
Zeit gab.
F: Wie
soll einer vorgehen, der noch nie meditiert hat?
A: Der
erste Schritt ist, daß man mehr über das Thema Klarblickmeditation lernt, damit
man rechtes Verständnis der Methode hat, bevor man mit der Übung beginnt. Aber
wenn man das aus irgendwelchen Gründen nicht kann, oder man hat das Thema bereits
studiert, versteht es aber doch noch nicht richtig, dann sollte man zu einem
Klarblicklehrer in ein Meditationszentrum gehen und dort um Aufnahme für die
Übung bitten. Selbst wenn jemand schon viele Bücher gründlich studiert hat, ist
es dennoch notwendig, die Anleitung eines Meditationslehrers zu haben, der
einem die korrekte Übung klarmacht, denn vom Schriftenstudium (pariyatti)
kennen wir ja nur die geschriebenen Worte, während man in der praktischen Übung
(patipatti) persönlich Bekanntschaft mit den natürlichen Phänomenen (sabhavadhamma)
macht, wie sie wirklich sind. Und da gibt es Unterschiede je nach der
individuellen Entwicklung der verschiedenen Menschen, ihre Fähigkeiten und
Veranlagungen, ihre Stimmungen und Gefühle und die Ansammlung des kamma
sind nie gleich. Dann gibt es Phänomene, die erst im Laufe der Klarblickübung
entstehen, zum Beispiel Konzentration, Begeisterung, Ruhe, Gleichmut (samadhi,
piti, passaddhi, upekkha). Manche dieser Phänomene sind in den Schriften
nicht erwähnt. Deshalb ist das Wichtigste, einen Meditationslehrer zu haben,
der theoretisches Wissen sowie praktische Erfahrung hat.
TEIL 1
DIE ÜBUNG
Die Übung der Klarblickmeditation (vipassana
kammatthana) besteht in der Entwicklung der Vier Grundlagen der Achtsamkeit
(satipatthana) –
Die vier Grundlagen der Achtsamkeit umfassen
alle Objekte, die in unserer Erfahrung auftauchen. Das bedeutet: der Körper,
die Empfindungen, die Geisteszustände und die Geistesdinge – also die vier
Grundlagen der Achtsamkeit – sind unmittelbar hier in unserer Erfahrung, und um
ihre wahre Natur zu entdecken, müssen wir die Achtsamkeit anwenden. Lassen Sie
mich die Bereiche dieser vier Grundlagen noch deutlicher machen, damit sie
leichter zu üben sind. Buddha hat erklärt, daß die Ebene, auf der menschliche
Wesen – ja, fühlende Wesen ganz allgemein – wirklich existieren, die fünf
Anhäufungen des Anhaftens (upadanakkhandha) sind.
Mit anderen Worten: Wir bestehen aus fünf
verschiedenen Arten natürlicher Phänomene, die sich mischen und verbinden zu
komplexen Formen und Erscheinungen, für die wir Namen erfinden und sagen: “Dies
ist ein menschliches Wesen, eine Frau, ein Mann, dies ist ein Tier, ein Baum,
usw.”
Die fünf Anhäufungen (khandha) sind im Einzelnen –
Außerdem gehören zur Anhäufung des
Körperlichen feinstoffliche Elemente, oder sekundäre materielle Phänomene, wie
Farbe, Geruch, Geschmack, Nährfähigkeit, organisches Leben, die Sensitivität
der Sinne für ihre jeweiligen Objekte und andere materielle Phänomene, die auf
den vier Grundelementen aufbauen.
2. Die
Anhäufung der Empfindungen (vedanakkhandha).
Die Sinnesempfindungen, oder Gefühle, haben die Aufgabe, die Objekte als
angenehm, unangenehm oder neutral zu erleben.
3. Die
Anhäufung der Wahrnehmungen (sannakkhandha).
Wahrnehmung hat die Funktion, die Objekte der vier Grundlagen der Achtsamkeit –
also Formen und Farben, Klänge, Düfte, Geschmäcke, Berührungen und geistige
Objekte – zu erkennen und diese Informationen im Gedächtnis abzulegen.
Erinnerung ist eine weitere Funktion der Wahrnehmung.
4. Die
Anhäufung der Gebilde (sankharakkhandha).
Hierbei handelt es sich um die Geisteskräfte (cetasika), die das
Bewußtsein begleiten. Die heilsamen (kusala) Geisteskräfte machen den
Geist verdienstvoll, oder gut. Die unheilsamen (akusala) Geisteskräfte
machen den Geist verdienstlos, oder schlecht. Die erhabenen Geisteskräfte (abhayakata),
hingegen, machen den Geist gefestigt und losgelöst. Diese drei Gruppen von
Geisteskräften stehen hinter den Geistestätigkeiten. Je nachdem, wie stark sie
auftreten, können sie Gedanken, Sprache oder körperliche Handlungen
verursachen.
5. Die
Anhäufung des Bewußtseins (vinnanakkhandha).
Die Anhäufung des Bewußtseins hat die Funktion, die Objekte der sechs
Sinnestore – der Augen und Ohren, der Nase und Zunge, des Tastsinns und des
Geistes – aufzufassen und ihrer bewußt zu sein. Zu dieser Anhäufung gehören
auch das Wiedergeburtsbewußtsein (patisandhi) und die unbewußte Lebensgrundlage
(bhavanga).
In der Praktischen Übung werden die fünf
Anhäufungen zusammengefaßt zu nur zwei Kategorien: Körper (rupa) und
Geist (nama). Die Anhäufung des Körperlichen nennen wir Körper (rupa),
die Anhäufungen der Empfindungen, der Wahrnehmung, der Gebilde und des
Bewußtseins werden zusammengefaßt unter dem Begriff Geist (nama).
Zum besseren Verständnis sei es noch einmal
betont: Die Objekte der Klarblickmeditation lassen sich am einfachsten in nur
zwei Kategorien einteilen – Körper und Geist.
Was die Natur betrifft, die dieses Spektrum
von Objekten bewußt erlebt, das ist der Geist, der begleitet wird von
Anstrengung (viriya), klarer Auffassung (sampajanna), Konzentration
(samadhi) und Achtsamkeit (sati).
Prägnant formuliert könnte man sagen: Alle
natürlichen Phänomene gipfeln in, und werden zusammengefaßt von der
Achtsamkeit. Deshalb soll man Achtsamkeit anwenden, um den gegenwärtigen Moment
zu betrachten, das gegenwärtige Objekt.
Achtsamkeit ist vergleichbar mit dem
Fußabdruck eine Elefanten: Die Spuren kleinerer Tiere werden alle vom
Fußabdruck eines Elefanten überdeckt. Wenn Achtsamkeit in der Gegenwart nicht
aktiv ist, können andere heilsame Geisteskräfte auch nicht entstehen. Aber wenn
Achtsamkeit auftaucht, kommen nur die heilsamen Kräfte mit zur Entstehung.
Deswegen hat Buddha immer zur systematischen Übung der vier Grundlagen der
Achtsamkeit ermuntert.
Wenn man versteht, was die Objekte der
Klarblickmeditation sind, und wer das Subjekt ist, das diese Objekte bewußt
erlebt, dann kann man die Übung damit beginnen, Achtsamkeit auf die vier
primären Körperhaltungen zu richten: Gehen, Stehen, Sitzen und Liegen.
Sitzmeditation
Während der Sitzmeditation sitzt man mit
gekreuzten Beinen und aufrechtem Körper, der rechte Fuß liegt auf dem linken
Bein und die rechte Hand über der linken, Handflächen weisen nach oben. Augen
und Lippen bleiben geschlossen, die Zähne berühren sich aber nicht, während die
Zunge hinter den oberen Zähnen gegen den Gaumen gelegt wird. Rufen Sie nun die
Achtsamkeit wach, um sich auf das zu betrachtende Objekt zu richten. Dann
betrachten Sie den Körper im Körper. Das Hauptobjekt, das betrachtet werden
soll, ist das Heben und Senken der Bauchdecke. Wenn sich die Bauchdecke hebt,
stellen Sie innerlich fest: ‘heben.’ Wenn sich die Bauchdecke senkt,
stellen sie innerlich fest: ‘senken.’ Dann machen Sie einfach
kontinuierlich weiter: ‘heben – senken – heben – senken…’.
F: Wie
soll man die Achtsamkeit wachrufen?
A: Der
Übende soll sich geistig wohlfühlen und unbesorgt sein, nicht zu ernsthaft oder
erwartungsvoll, denn die Phänomene, die da auftauchen, müssen allesamt wieder
wegfallen. Es ist ein Merkmal der Natur, daß alles, was natürlich entsteht, auch
wieder vergeht. Man soll nur die Achtsamkeit fest auf das Objekt gerade vor
sich richten und es sehen, wie es wirklich ist: es entsteht und vergeht. Man
sollte an gar nichts anhaften, sondern den Geist neutral und ruhig halten. Das
nennt man die Übung des Mittleren Weges: nicht anzuhaften an guten Objekten
oder an schlechten Objekten, nicht anzuhaften an Objekten, die ein angenehmes
oder ein unangenehmes Gefühl hervorrufen. Wenn die Achtsamkeit so wachgerufen
wird, daß sie bewußt das gegenwärtige Objekt betrachtet, sieht, wie es wirklich
ist, und es dann losläßt, dann ist die Achtsamkeit richtig wachgerufen.
F:
Wieviel Zeit soll man einsetzen für die Entwicklung der Achtsamkeit?
A: Das
hängt von den Kräften des Übenden ab. Ein Kind im Alter von 7 – 10 Jahen sollte
nur 10 Minuten üben. Heranwachsende von 10 – 15 Jahren sollten 20 Minuten üben.
Ab 15 Jahren Alter und bei guter Gesundheit sollte man mit 30 Minuten beginnen.
Wenn der Übende Energie, Achtsamkeit und
Konzentration (viriya, sati, samadhi) entwickelt hat, sollte man langsam
die Zeit erhöhen. Man soll sie nicht zu schnell erhöhen: von 30 auf 40 Minuten,
dann von 40 auf 50 Minuten, und dann von 50 auf 60 Minuten. Wer neu in der
Meditation ist, sollte nicht länger als eine Stunde sitzen. Man muß zuerst
lernen, die in der Meditation zum Einsatz kommenden Geisteskräfte ins
Gleichgewicht zu bringen und dieses zu bewahren, bevor man länger als eine
Stunde sitzt.
F:
Manchmal ist der Geist nicht ruhig, man denkt oder hängt Überlegungen nach. Das
ist frustrierend. Was soll man dann tun?
A: Wenn
es nur Denken ist, stellen Sie einfach fest: ‘denken, denken.’ Sind es
Überlegungen, so noten Sie ‘überlegen, überlegen.’ Wenn der Geist vom
einen zum anderen wandert, noten Sie ‘wandern, wandern,’ und wenn sie
wegen des wandernden Geistes frustriert werden, bemerken Sie: ‘frustriert,
frustriert.’ Die Worte sollten nur gedacht werden. Achten Sie darauf, daß
die Lippen, Zunge, Kiefer oder Kehlkopf sich nicht mitbewegen. Das Benennen des
Objekts hat den Sinn, sich zu vergewissern, daß man auch wirklich auf das
gegenwärtige Objekt achtet. Wenn man nicht benennt, kann es leicht passieren,
daß die Aufmerksamkeit abschweift, ohne daß man es merkt. Notet man aber, dann
fällt es schneller auf, wenn man abschweift, weil man dann aufhört zu noten.
Die Worte sind aber nicht die Objekte der Betrachtung; die Aufmerksamkeit muß
auf die besonderen Merkmale des Objektes gerichtet werden, das man gerade
notet. Im allgemeinen wiederholt man das Wort einmal. Die erste Bemerkung soll
die Aufmerksamkeit auf das Objekt lenken, und die zweite sorgt dafür, daß man
eine neutrale Haltung bewahrt. Man kann aber auch öfter noten. Der Geist soll
während der Meditation kontinuierlich und in einem Tempo das gegenwärtige
Objekt noten, etwa einmal pro Sekunde.
F:
Manchmal ist der Geist irritiert, besorgt, entmutigt, gelangweilt, lustlos,
schläfrig oder Ähnliches. Wie soll man damit umgehen, oder wie soll man das
betrachten?
A: Noten
Sie ganz einfach das geistige Objekt, das da im Geist aufgetaucht ist: ‘irritiert,
irritiert,’ ‘ besorgt, besorgt,’ ‘entmutigt…’, ‘gelangweilt…’,
‘lustlos…’, ‘schläfrig…’, ‘träumen, träumen…’. Sie können natürlich auch
Substantive nehmen: ‘Sorge, Sorge’, ‘Zweifel, Zweifel,’ und so
weiter. Legen Sie sich auf ein Wort fest, das für Sie am klarsten das Objekt
repräsentiert und bleiben Sie dann dabei.
F: Wie
soll man äußere Objekte noten, die auftauchen?
A: Wenn
Objekte durch das Auge auftauchen, noten Sie: ‘sehen, sehen.’ Wenn ein Geräusch auftritt, noten Sie ‘hören,
hören.’ Taucht ein Geruch auf, noten Sie: ‘ riechen, riechen.’ Wenn ein Geschmack auftaucht, noten Sie: ‘schmecken,
schmecken.’ Hören Sie zum Beispiel einen Hund bellen, so noten Sie nicht ‘Hund,
Hund,’ sondern: ‘hören, hören,’ während die Achtsamkeit auf das Ohr
gerichtet ist und dort beobachtet, wie der Kontakt des Sinnesorgans mit dem
Objekt – dem Geräusch – das Hörbewußtsein hervorruft.
Wenn Sie einen körperlichen Eindruck von Kühle
oder Wärme, Weichheit oder Härte spüren, so benennen sie das Objekt nach seiner
besonderen Eigenschaft: ‘kühl, kühl,’ ‘warm, warm,’ ‘weich, weich,’ ‘hart,
hart.’ Taucht ein Objekt im Geist auf, dann noten
Sie je nach der Wahrnehmung als ‘sehen, sehen,’ ‘erinnern, erinnern,’
‘denken, denken,’ ‘vorstellen,’ ‘planen,’ und dergleichen, was gerade
aufgetaucht ist.
F: Wenn
man lange sitzt, können Schmerzen in den Knien, in den Beinen, oder im Rücken
auftauchen. Wie soll man diese Empfindungen betrachten?
A: Gehen
Sie mit der Achtsamkeit an die Stelle, wo Sie die Empfindung erleben, und seien
Sie sich dieses Objekts bewußt. Dann noten Sie es: ‘Schmerz, Schmerz.’
Empfinden Sie ein Stechen, dann benennen Sie es: ‘stechen, stechen.’ Ist
die Empfindung taub, noten Sie: ‘taub, taub. ’ Wenn die Empfindung
verschwindet, gehen Sie mit der Achtsamkeit wieder zur Bauchdecke und noten
weiter ‘Heben’ und ‘Senken.’
F: Wenn
die Empfindung aber nicht verschwindet, nachdem man sie genotet hat, was soll
man dann tun?
A: Bei
der Betrachtung von körperlich unangenehmen Empfindungen (dukkhavedana)
wie z. B. dumpfem oder stechendem Schmerz, Taubheit, Ziehen, Ermüdung, werden
Sie, solange die Konzentration gut ist, ohne Schwierigkeiten noten können, daß
da eine Empfindung von dumpfen oder stechenden Schmerz, von Taubheit, Ziehen
oder Ermüdung ist, und Sie können das Entstehen und Vergehen der unangenehmen
Empfindung deutlich sehen.
Oft verschwinden solche Empfindungen von
selbst, wenn man sie eine Weile beständig und ohne innere Verkrampfung genotet
hat. Wenn man die Empfindung aber schon eine Weile genotet hat, und sie ist noch
nicht verschwunden, dann liegt das daran, daß sie besonders stark ist.
Manchmal halten uns Geist-und-Körper (nama-rupa)
auch das Merkmal der Leidhaftigkeit (dukkha) deutlich vor Augen, damit
Weisheit (panna) die drei allgemeinen Merkmale – Vergänglichkeit,
Leidhaftigkeit, Selbstlosigkeit (anicca, dukkha, anatta) – besser
erkennen kann. In diesem Fall ist das schmerzhafte Gefühl außergewöhnlich
stark. Wenn man es nicht aushalten kann, dann sollte man eine kleine Bewegung
machen, oder die Sitzhaltung verändern, damit der Schmerz aufhört. Aber
vergessen Sie nicht, achtsam den Wunsch, sich zu bewegen, zu noten: ‘Absicht,
Absicht. ’ Und wenn Sie die Hände, die Arme, die Beine
bewegen, tun Sie es langsam und mit voller Aufmerksamkeit und noten Sie alle
einzelnen Bewegungen entsprechend: ‘lösen’, ‘bewegen…’, ‘berühren…’,
‘anheben…’, ‘ausstrecken…’, ‘ablegen…’, ‘zurückziehen.’ Läßt der Schmerz
nach, dann notet man wieder Heben und Senken der Bauchdecke.
F: Wenn
man schmerzhafte Gefühle notet, muß man damit weitermachen, bis dieses Objekt
verschwindet, oder kann man statt dessen andere Objekte noten?
A: Es
gibt zwei Arten körperlich unangenehmer Gefühle (dukkha-vedana). Eine
Art ist starker nötigender Schmerz. Da muß man etwas unternehmen. Dann gibt es
körperliche Schmerzen, die nicht behoben werden müssen. Wir sollten auf die
nötigenden Schmerzen achtgeben, zum Beispiel den Drang, Urin oder Stuhl
auszuscheiden. Das sind Schmerzen die man nur begrenzt unterdrücken kann. Sie
werden nicht durch das Noten weggehen. Manchmal entsteht auch ein heftiger
Schmerz im Körper. Der Übende quittiert ihn achtsam, aber der Schmerz wächst
weiter und weiter an. Wenn der Übende schon genug Erfahrung im Anschauen von
schmerzhaften Gefühlen hat, dann wird er es aushalten können. Anfänger in der
Meditation halten das aber nicht aus. Sie werden mürbe. Dann sollten sie
langsam die Sitzhaltung ändern, wobei jedes Detail des Bewegungsablaufs
sorgfältig beachtet werden muß.
Die körperlich unangenehmen Empfindungen, die
nicht behoben werden müssen, sind nur geringfügige Schmerzen, die auftauchen
und verschwinden. Wenn sie nicht gewaltig sind, ist es nicht nötig, die Haltung
zu ändern oder sich irgendwie zu bewegen. Richten Sie nur die Achtsamkeit auf
dieses Objekt und stellen Sie fest, was wirklich da ist: Schmerzhaftes Gefühl,
das auf natürliche Weise entsteht und vergeht. Sogar das Phänomen des Schmerzes
ist nicht kompakt, es dauert nicht. Es ist vergänglich, bedrückend, und
entbehrt einer eigenen Existenz, genauso wie die köperlichen (rupa) Phänomene.
Das Gleiche gilt auch für alle anderen geistigen (nama) Phänomene.
F:
Tauchen Schmerzen in der Meditation auch noch auf, wenn man schon lange
meditiert hat? Woher kommen diese Schmerzen?
A: Das
hängt von der Praxis ab. Wenn der Meditierende das Objekt eine lange Zeit
kontinuierlich betrachten kann – als vorübergehendes Hauptobjekt – dann
entwickelt sich Konzentration sehr stark. Zusammen mit kräftiger Konzentration
steigen dann Geisteskräfte (sankhara) wie Begeisterung (piti) und
(geistiges) Glücksgefühl (sukha) im Bewußtsein auf. Man fühlt sich
zufrieden und glücklich, und das wirkt wieder auf den Körper zurück. Wenn man
in einer solchen Situation Schmerzen empfindet, erkennt man sie nicht als
Schmerzen. Sie sind dann nur noch dieses Objekt da, und man fühlt sich
wohl dabei. Das liegt am Überwiegen des geistigen Wohlgefühls. Unter solchen
Umständen ist man in der Lage, die vorgenommene Zeit für die Sitzung
einzuhalten. Erst wenn man die Sitzung beendet und sich bewegt, oder wenn man
zwischendurch aufhört zu noten, dann merkt man den Schmerz. Manche Meditierende
erleben eigenartige plötzliche Schmerzen im Rücken oder in anderen
Körperteilen. Das sind Schmerzen, die man als karmische Schuld bezeichnen
könnte. Vielleicht hat der Übende auch in diesem Leben noch die Angewohnheit,
zum Beispiel, Schlangen auf den Rücken zu schlagen, oder Hunde, Katzen und
andere Kleintiere zu quälen. Dann sind die Schmerzen die Frucht (vipaka)
solcher Handlungsweise (kamma), und wir sollten die Reifung dieses kamma
geduldig ertragen.
Gehen und Stehen
F: Wie
soll man bei der Gehmeditation gehen?
A: Die Mahasatipatthanasutta
sagt dazu, wenn man geht, soll man sich bewußt sein, daß man geht. Es wird
nicht gesagt, wieviele Teile ein Schritt hat. Der Atthakatha Kommentar
teilt den einzelnen Schritt aber in bis zu sechs Teile:
Für die Meditation im Stehen stellt man sich
aufrecht hin. Halten Sie die linke Hand mit der rechten, entweder vor oder
hinter dem Körper, wie es Ihnen paßt. Dann stellen Sie innerlich das Erlebnis
des stehenden Körpers fest: ‘Stehen, stehen..’, etwa dreimal. Beginnen
Sie dann zu gehen und noten Sie gemäß dem ersten Gang: ‘Rechter Schritt,
linker Schritt, rechter Schritt, linker Schritt…’, und so weiter. Richten
Sie Ihre Augen geradeaus, in eine Entfernung von etwa drei bis fünf Metern.
Rufen Sie die Achtsamkeit wach und achten Sie auf die Empfindung des Fußes, der
sich bewegt. Das Wort ‘rechts’ bedeutet, daß
der rechte Fuß sich vorwärts bewegt, also die Bewegung des Fußes, während er
sich bewegt, oder nach vorne gebracht wird. Stellen Sie den Fuß zuerst ab,
bevor Sie das Gewicht verlagern. Das begünstigt die Achtsamkeit, weil der
Bewegungsablauf bis zuende betrachtet wird, bevor das Objekt wechselt. Erst
wenn der Fuß am Boden ruht, höchstens eine Handbreit vor dem anderen, verlagern
Sie das Gewicht, und der andere Fuß kann sich bewegen.
Wird die Gehmeditation langsam ausgeführt,
sollte man die Schritte innerlich begleiten mit drei Silben: ‘Rechts geht
so, links geht so, rechts geht so…’. Das Wort ‘…so’ sollte zusammentreffen mit dem Moment, wo die
Sohle den Boden berührt. Geht man etwas schneller, notet man: ‘rechter
Schritt, linker Schritt….’. Normales Gehen begleitet man innerlich nur als
‘rechts, links, rechts, links…’.
Der Weg, auf dem wir die konzentrierte
Gehmeditation machen, sollte etwa zwölf Schritte lang sein, oder drei bis vier
Meter. Wenn Sie am Ende angekommen sind, müßen Sie sich umdrehen. Noten Sie das
als ‘drehen, drehen…’, während sich der Körper nach rechts oder links
herumdreht. Die rechte Ferse folgt Stück für Stück einem Bogen; noten Sie das:
‘drehen, drehen,…’. Wenn Sie in die Richtung sehen, aus der Sie gekommen
sind, noten Sie zunächst die stehende Haltung: ‘stehen, stehen…’. Wenn
Sie wieder losgehen, noten Sie innerlich die Schritte: ‘Rechts geht so,
links geht so, rechts geht so…’.
F: Wie
lange soll die Gehmeditation geübt werden; wieviele Minuten jedesmal?
A: Wer
keine Meditationserfahrung hat, sollte in jeder Übungseinheit die gleiche Zeit
für das Sitzen wie für das Gehen aufwenden. Wenn man also 30 Minuten sitzt,
soll man auch 30 Minuten gehen. Wer nur 20 Minuten sitzt, soll auch 20 Minuten
gehen, und wer 10 Minuten sitzt, sollte auch nur 10 Minuten im Gehen üben. Wie
lang die Übungseinheit sein soll, hängt von den Fähigkeiten des Übenden ab, ob
es ein Kind, ein Erwachsener, oder ein alter Mensch ist.
Im allgemeinen gilt: Je länger Sie gehen
können, desto besser. Dadurch entwickelt sich geistige Energie (viriya),
sodaß man anschließend im Sitzen leichter achtsam noten kann. Manche Übende
haben einen besonders zerstreuten, diskursiven Geist. Sie sollten die
Übungszeiten im Sitzen und Gehen gleich halten; allenfalls etwas weniger gehen,
damit sich mehr Konzentration (samadhi) entwickelt und der Geist ruhig
wird.
F: Was
sind die methodischen Richtlinien für die aufbauenden Stufen der Meditation?
A: Für
den Übungsfortschritt ist es nötig, einen Klarblicklehrer zu haben, der einen
in der korrekten Übungsweise berät. Er muß in täglichen Gesprächen prüfen, wie
sich die Geisteskräfte des Meditierenden entwickeln und welche spezifischen
Phänomene er erlebt. Wenn Probleme auftauchen, muß der Lehrer dem Übenden
helfen, sie zu lösen. Er soll den Schüler zu rechtem Verständnis führen, sodaß
die Übung in Fortschritt mündet und Hindernisse überwunden werden. Der
Klarblicklehrer sollte die Intensität der Übung allmählich anheben, indem der
die Schritteinteilung der Gehmeditation entsprechend dem Übungsfortschritt
differenziert.
Die weiteren Schritte
Wenn beim Sitzen die Atmung sich beruhigt hat
und das ‘Heben ” und ‘Senken” langsam wird, sollte man gegen Ende des
Atemzugs die Sitzhaltung als drittes Objekt regelmäßig noten: ‘Heben,
senken, sitzen,’ – ‘heben, senken, sitzen…’, und so weiter.
F: Wie
soll man die Sitzhaltung noten?
A: Wenn
man sitzt, soll man sich bewußt sein, daß man sitzt. Das heißt, im Moment des
Sitzens ist da die sitzende Form. Noten Sie diese Form: ‘Sitzen, sitzen’.
F: Und
wie geht es in der Gehmeditation weiter?
A: Bei
der Übung im zweiten Gang wird jeder Schritt in zwei Phasen unterteilt: ‘den
Fuß aufheben’ und ‘den Fuß absetzen,’ oder: ‘aufheben, absetzen,
aufheben, absetzen…’. ‘Aufheben’ heißt hier, den Fuß etwa 10 – 15 cm vom
Boden zu heben, ‘absetzen ’ ist der
Moment, wenn die Sohle den Boden berührt. Der bewegende Fuß soll den ruhenden
Fuß nur eben um seine eigene Länge überragen. Wenn Sie, zum Beispiel, den
rechten Fuß zuerst bewegen, dann soll die rechte Ferse etwa auf Höhe der linken
Zehen abgesetzt werden, während der linke Fuß unverändert am Boden bleibt.
Bewegt sich der linke Fuß, begleitet von der Bemerkung ‘aufheben, absetzen,’
dann wird die linke Ferse kurz vor den Zehen des rechten Fußes abgesetzt.
F: Wenn
das Benennen gemäß dem zweiten Schritt mit Leichtigkeit ausgeführt wird, was
soll man dann noten?
A: Gehen
Sie über zum dritten Schritt. Als weiteres Hauptobjekt kommt im Sitzen die
Berührung des Körpers mit dem Boden dazu. Wenn Sie ‘berühren” noten, dann achten Sie auf die
Druckempfindung, wo der rechte Sitzknochen auf den Boden drückt. Der Punkt, der
genotet werden soll, hat etwa die Größe einer Münze. Noten Sie bei jedem
Atemzug: ‘Heben, senken, sitzen, berühren…’.
Diese Übung soll nur gemacht werden, wenn der
Atem sich beruhigt hat und so langsam ist, daß genug Zeit bleibt, sich auf die
Objekte Sitzen und Berühren zu konzentrieren. Versuchen Sie also
nicht, den Atem zu kontrollieren oder künstlich zu verlängern. Das Hauptobjekt
der Betrachtung ist das Heben und Senken der Bauchdecke. Wenn der
Atem wieder schneller wird, sodaß Sie keine vier Objekte hintereinander noten
können, dann noten Sie nur ‘heben, senken, sitzen’. Geht der Atem auch
dafür zu schnell, lassen Sie auch ‘sitzen’ weg
und noten nur ‘heben’ und ‘senken’.
Das Heben und Senken der Bauchdecke ist das primäre Hauptobjekt, das immer
beachtet und genotet werden muß. Falls das Heben und Senken zu fein, zu
undeutlich oder zu schnell wird, dann noten Sie ‘wissen, wissen ,’ bis
Heben und Senken wieder klar sind. Dann noten Sie weiter ‘heben, senken’.
Für das Gehen im dritten Gang wird jeder
Schritt in drei Phasen unterteilt: ‘ den
Fuß aufheben, vorwärtsbewegen, den Fuß absetzen.’ Beim Gehen heben Sie den Fuß 10 – 15 cm vom Boden. ‘Vorwärts
bewegen’ bedeutet, daß der Fuß sich etwa 30 cm nach vorn bewegt. Wenn Sie ‘den
Fuß absetzen,’ soll die ganze Sohle den Boden berühren.
F:
Erklären Sie bitte den vierten, fünften und sechsten Gang, damit man weiß, wie
sie geübt werden.
A: Die
höheren Stufen der Gehmeditation setzen voraus, daß der Übende in der
Meditation ein kontunierliches Energiepotential entwickelt hat. Bis hierher
werden die unteren Stufen gebraucht, um die Konzentration, die sich im Sitzen
entwickelt, durch neue Energie auszugleichen.
Der vierte Gang teilt die Schritte in vier
Phasen ein: ‘die Ferse lösen, den Fuß aufheben, vorwärtsbewegen, den Fuß
absetzen’. Das Wort ‘lösen’ bedeutet, daß
nur die Ferse sich vom Boden abhebt. Der Fußballen bleibt weiter stehen.
Der fünfte Gang teilt die Schritte in fünf
Phasen ein: ‘die
Ferse lösen, den Fuß aufheben, vorwärtsbewegen, den Fuß senken, den Fuß
absetzen.’ Die ersten drei Phasen sind die gleichen wie
beim vierten Gang. ‘Senken’ wird genotet,
während man den Fuß bis auf 5 cm über dem Boden absenkt. Dann notet man die
Berührung mit dem Boden: ‘absetzen’.
Der sechste Gang teilt die Schritte in sechs
Phasen ein: ‘die Ferse lösen, den Fuß aufheben, vorwärtsbewegen, den Fuß
senken, den Boden berühren, den Fuß absetzen.’ Wenn man diesen Schritt
notet, sind die Phasen ‘lösen, aufheben, bewegen, senken,’ dieselben wie
beim fünften Gang. Die Bemerkung ‘berühren’ heißt,
daß Zehen und Ballen des Fußes den Boden berühren, aber die Ferse noch oben
ist. ‘Absetzen’ bedeutet, daß
die Ferse auf den Boden gesetzt wird.
F: Wird
die Betrachtung der stehenden, der gehenden und der sitzenden Körperhaltung
immer so geübt, wie Sie es erklärt haben, oder gibt es noch andere
Unterschiede?
A: Die
Meditation im Stehen hat nur eine Phase; man notet ‘stehen, stehen…’.
Man kann aber auch längere Zeit stehend meditieren und dabei das Gefühl von
Wärme und Härte, daß in den Fußsohlen entsteht oder/und die Bewegung der
Bauchdecke als Hauptobjekt betrachten. Die Gehmeditation wird, wie beschrieben,
in sechs Stufen eingeteilt.
Für die Sitzmeditation gibt es noch weitere
Tastobjekte oder Berührungspunkte, die man noten kann. Sie sollten eingesetzt
werden, wenn der Geist träge und schläfrig ist. Wenn Sie die Druckempfindung
betrachten, dann noten sie beide Sitzknochen, zuerst rechts, dann links: ‘Heben,
senken, sitzen, berühren, berühren’. Wenn Trägheit und Müdigkeit dadurch
nicht aufgelöst werden, sollten auch die Knöchel einbezogen werden. Nehmen Sie
zunächst den rechten dazu, und wenn das nicht ausreicht, auch noch den linken.
Die Gelenkpunkte soll man nur noten, wenn
zwischen dem Senken der Bauchdecke und dem nächsten Heben eine Pause auftritt.
Sobald der nächste Atemzug beginnt, muß man wieder ‘heben, senken, sitzen,’
betrachten. Sollte es aber unmöglich sein, die Bewegung zu noten, weil sie
unklar ist, kann man auch nur ‘sitzen, berühren, sitzen, berühren…’
noten, wobei die Achtsamkeit abwechselnd auf die verschiedenen Gelenkpunkte
gerichtet wird. Dabei sollen, außer den Sitzknochen, mindestens sechs Punkte
einbezogen werden: die Knöchel, die Knie, die Ellenbogen und Handgelenke. Wenn
die Bewußtheit auf diese Weise viele Wege machen muß, kann es sein, daß dadurch
Schläfrigkeit oder Benommenheit aufgelöst werden und der Übende neue Energie
verspürt.
F: Wenn
es Zeit zum Schlafen ist, wie soll man dann den liegenden Körper betrachten?
A: Bevor
man sich hinlegt, soll man zunächst andere Haltungen achtsam noten, zum
Beispiel ‘stehen, stehen.’ Wenn Sie den Körper herunterbeugen, noten
Sie: ‘beugen, beugen,’ Wenn die Sitzknochen das Bett oder den Boden
berühren: ‘berühren, berühren .’ Wenn Sie den Körper lehnen, um sich
hinzulegen: ‘lehnen, lehnen.’ Wenn der Rücken die Unterlage berührt: ‘berühren,
berühren ,’ Wenn Sie die Beine ausstrecken: ‘ausstrecken, ausstrecken.’
Wenn Sie die Knie anziehen: ‘beugen, beugen.’ Wenn Sie sich bewegen oder
herumdrehen: ‘bewegen, bewegen,’ ‘drehen, drehen.’ Wenn Sie sich in
einer Position einrichten: ‘einrichten, einrichten.’ Wenn Sie eine Hand
aufstützen: ‘aufstützen, aufstützen.’ Wenn Sie eine bequeme
Schlafhaltung erreicht haben, noten Sie ‘liegen, liegen ,’ bis Sie
einschlafen – oder falls die Bewegung der Bauchdecke deutlich ist, dann
betrachten Sie achtsam ‘heben, senken…’. In dieser Haltung soll man ganz
entspannt betrachten. Notet man zu angestrengt, kann das verhindern, daß man
einschläft.
In der Anfangsphase der Achtsamkeitsübung muß
man unausgesetzt die vier primären Haltungen Gehen, Stehen, Sitzen und Liegen
betrachten und jeden Moment achtsam noten. Nur wer nicht geistesabwesend ist
und klarbewußt die gegenwärtig erlebte Geist-Körper-Verbindung von einem Moment
zum anderen betrachtet, wird schon bald die Entwicklung von Klarblickwissen in
sich feststellen.
Dies sind die Richtlinien für
Klarblickmeditation in der Anfangsphase, die hier beschrieben wurden, damit sie
in der praktischen Übung angewendet werden können.
MEDITATIVE PHÄNOMENE (SAVHAVA)
und wie man damit umgeht
F: Wenn
man eine Weile meditiert hat, entsteht bisweilen ein kribbelndes Gefühl im
Körper, z. B. im Gesicht, am Rücken, oder in irgendeinem anderen Körperteil.
Manchmal fühlt es sich an, als würde man von Ameisen gebissen oder von Mücken
gestochen, als krabbelten Insekten über den Körper, oder als würde man mit
Nadeln gepiekst, was teilweise durchdringende Schmerzen verursacht. Es kommt
auch vor, daß sich die Körperhaare sträuben, man bekommt Gänsehaut, oder ein
prickelndes Schauern erfaßt für einen Moment die Schultern oder den Rücken.
Manchmal fließen Tränen ohne erkennbaren Grund, oder man beginnt zu schwitzen;
Hitze wallt durch den Körper, oder Kühle überzieht die Haut. Was sind das für
Phänomene? Wie entstehen sie? Wie soll man sie betrachten? Können sie für die
Meditierenden gefährlich sein?
A: Alle
diese Phänomene, die auftauchen, wenn man in die Kontemplation vertieft ist,
werden sabhava genannt. Sie entstehen, wenn der Geist ruhig ist, ein
Zeichen von Konzentration. Wenn Achtsamkeit intensiv geübt wird, intensiviert
sich das Erleben; es entsteht Begeisterung (piti), die zur gleichen
Gruppe von Geisteskräften gehört wie Konzentration. Diese beiden werden
gemeinsam stärker und verursachen eine Vielzahl unterschiedlicher sabhava.
Wenn solche Phänomene auftauchen, muß man sie mit Achtsamkeit noten. Wenn Sie
zum Beispiel einen Juckreiz empfinden, noten Sie ‘jucken, jucken;’ wenn
Sie glauben, von Ameisen gezwickt zu werden, noten Sie ‘zwicken, zwicken;’
wenn Sie einen Stich spüren, noten Sie ‘stechen, stechen;’ fühlt es sich
an, als krabbelten Insekten im Gesicht oder auf dem Körper, noten Sie ‘krabbeln,
krabblen.’ Wenn Sie spüren, wie Tränen oder Schweiß über die Haut rinnen,
noten Sie ‘rinnen…’ oder ‘fließen, fließen;’ wenn sich die
Körperhaare sträuben, noten Sie ‘sträuben, sträuben;’ wenn Sie einen
Schauer empfinden, noten Sie ‘schauern, schauern ;’ fühlen Sie sich
heiß, noten Sie ‘heiß, heiß;’ fühlen sie sich kalt, noten Sie ‘kalt,
kalt.’ Wählen Sie passende Begriffe, um die Phänomene zu benennen, die sie
erleben. Wenn Sie nicht wissen, wie Sie sie benennen sollen, noten Sie ‘wissen,
wissen.’
Die meisten dieser sabhava sind
Anzeichen von Intensität oder Begeisterung (piti). Wenn sie auftauchen,
müssen Sie sie jedesmal noten. Sollten Sie das Noten vergessen, zeigt das die
Verblendung (moha), die sozusagen im Objekt liegt, die mit dem Objekt
auftaucht und den Geist verwirrt. Wenn solche sabhava häufig auftauchen,
nennt man das “Hängen an sabhava.” Das muß unter
Kontrolle gebracht werden, indem Achtsamkeit (sati) und Energie (viriya)
stärker entwickelt werden. Noten Sie die Phänomene mit der Absicht, sie loszulassen;
haften Sie an nichts an.
F:
Manchmal fühlt es sich im Sitzen so an, als wären die Hände größer als
gewöhnlich, oder die Füße, der Bauch oder der ganze Körper kommen einem größer
vor. Zeitweise fühlt sich der Körper leichter an, als schwebte er über dem
Boden. Manchmal scheinen auch die Füße, der Kopf oder der Körper gänzlich zu
verschwinden. Wie soll man das betrachten?
A: Seien
sie nur achtsam und noten Sie die Phänomene so wie Sie sie empfinden: fühlen
sich Hände, Füsse oder Körper größer an, noten Sie ‘groß, groß;’ wenn
der Körper leicht wird, noten Sie ‘leicht, leicht;’ scheint er zu
schweben, noten Sie ‘schweben, schweben.’ Verschwinden Hände oder Füße,
oder Sie können plötzlich den Körper nicht mehr wahrnehmen, noten Sie ‘verschwunden,
verschwunden’.
F:
Manchmal taucht in einer Sitzung die Wahrnehmung von Helligkeit oder Licht auf;
man sieht Bilder, Häuser, Menschen, religiöse Objekte oder Personen. Manchmal
sind diese Objekte sehr klar und hell, manchmal trüb und schwach; das hängt von
der Konzentration ab. Wenn samadhi sehr stark ist, sieht man die Objekte
sehr deutlich. Taucht ein nimitta auf, dann noten Sie ‘sehen, sehen,’
bis die Lichterscheinung, die Farbe oder das Bild wieder verschwindet. Danach
gehen Sie wieder zurück zur Bauchdecke und noten weiter ‘heben, senken’.
Sollte die geistige Wahnehmung nicht verschwinden, wenn man sie ein paarmal
genotet hat, dann kommt das vom Anhaften (upadana ), das eine Vorliebe
für diese Dinge entwickelt. Die Farben, das Licht und vielerlei nimitta
tauchen dann immer wieder neu auf. Man muß dann Achtsamkeit entwickeln, indem
man die nimitta sofort erkennt und mit der Absicht notet, sie
loszulassen. Üben Sie eine desinteressierte Haltung. Sollte das Noten aber gar
keinen Einfluß auf die Bilder haben, dann kümmern Sie sich nicht weiter darum.
Gehen Sie zur Bauchdecke zurück oder noten Sie andere Objekte – Empfindungen,
Gedanken und so weiter. Die Bilder werden dann nach und nach von selbst
weggehen.
F:
Manchmal schwankt der Körper; es kommt einem vor, als ob er sich dreht, der
Körper bebt, zittert, zuckt oder scheint zu rutschen. Manchmal spürt man einen
plötzlichen Stoß. Was ist das? Wie soll man damit umgehen?
A: Die
Objekte, sabhava oder Erlebnisse können mitunter sehr heftig sein. Das
liegt an der Persönlichkeit des Übenden – alle Menschen haben ihre individuelle
Geschichte. Manche haben nur wenig mit diesen Phänomenen zu tun. Andere wieder
werden von der Stärke der Erlebnisse überwältigt; wenn piti und samadhi
zusammenwirken, erleben sie mächtige sabhava, die vom Bewußtsein nicht
kontrolliert werden können. Dann äußern sie sich über den Körper und
veranlassen ihn zu schwanken, zu wackeln, zu zittern. Wenn der Körper schwankt,
noten Sie ‘schwanken, schwanken;’ wenn er sich dreht, noten Sie ‘drehen,
drehen;’ rutscht er weg, noten Sie ‘rutschen, rutschen;’ zittert er,
noten Sie ‘zittern, zittern;’ zuckt er, noten Sie ‘zucken, zucken.’
Wenn Sie einen Stoß spüren, noten Sie ‘stoßen, stoßen.’
Manche Leute haben sehr intensive Erlebnisse
dieser Art. Für sie scheint das ganze Haus sich zu drehen, das Haus selber
schwankt, wackelt oder zittert. Das kann so weit gehen, daß man sich übergeben
muß. Wenn Ihnen so etwas passiert, machen Sie sich keine Sorgen und haben Sie
kein Angst. Seien sie nur achtsam und noten Sie die Objekte, die Sie erleben,
immer wieder. Wenn Achtsamkeit ein hohes Niveau erreicht, werden sie von selbst
aufhören.
In seltenen Fällen kann es vorkommen, daß die sabhava
trotz aller Bemühung um Achtsamkeit nicht weggehen und auch bei langem,
anhaltendem Noten nicht schwächer werden. Diese Leute müssen zu einem
Klarblicklehrer gehen, der viel Erfahrung im Umgang mit diesen starken sabhava
hat und ihnen hilft, sie in den Griff zu bekommen, indem er sorgfältig
Anweisungen gibt, wie man richtig notet. Die hinderlichen Phänomene werden dann
allmählich schwächer werden, und schließlich völlig verschwinden.
HINDERNISSE IN DER KLARBLICKÜBUNG
F: Was
sind die hauptsächlichen Hindernisse in der Übung von Klarblickmeditation?
A: Es
gibt drei Stufen von Hindernissen in der Klarblickmeditation –
Normalerweise ist unser Geist daran gewöhnt,
ständig von weltlichen Objekten umgeben zu sein, also optischen und akustischen
Reizen, Geruchs- und Geschmacksempfindungen, körperlichen Reizempfindungen und
geistigen Objekten – Vorstellungen, Gedanken, Emotionen. Wir sind mit diesen
Objekten durch Augen, Ohren, Nase, Zunge, Körper und Geist verbunden. Diese
Sinne sind die ganze Zeit in Betrieb und verursachen Wohlbefinden und
Unwohlsein, Vorliebe und Abneigung, Freude und Trauer, Glück und Kummer. Auf
diese Weise entstehen Gier, Haß und Verblendung. Das erleben wir andauernd
jeden Tag. Die Gewöhnung führt zu Anhaften (upadana) an materiellen
Dingen, die sich von Natur aus aber immer verändern. Das nennt man maya,
Illusion; sie lockt uns, täuscht uns und hält uns trügerisch zum Narren, bis
wir anhaften und die wahre Natur unserer eigenen Geistesverfassung nicht mehr
erkennen.
Wenn wir mit der Übung des Dhamma beginnen und
die vier Grundlagen der Achtsamkeit entwickeln, dann lernen wir allmählich die
fünf Gruppen des Anhaftens kennen, die in Wirklichkeit unser eigener Körper und
Geist sind.
Wenn wir den Geist kontrollieren und ihn auf
das gegenwärtige Objekt einstellen, das ja immer nur jeweils ein einzelnes
Objekt ist, dann sträubt sich der Geist dagegen und wehrt sich. Solange
Achtsamkeit noch schwach ist, entstehen dauernd Gedanken und der Geist wandert
ziellos auf der Suche nach interessanten Objekten. Immer wieder bleibt er an
Vergangenheit und Zukunft hängen. Wenn der Geist viel wandert, fühlen wir uns
irritiert, und das führt zu Entmutigung und Dumpfheit und noch mehr Gedanken.
Manche Leute glauben sogar, sie hätten nicht genug gutes kamma
angesammelt, um meditieren zu können. Manche schieben es aufs kamma,
andere sagen, der Lehrer wäre nicht gut. Oder sie behaupten gleich,
Klarblickmeditation wäre zu nichts nutze.
In Wirklichkeit ist der Geist des
Meditierenden arg bedrängt von den Hindernissen oder Unreinheiten (nivarana,
kilesa). Wenn Achtsamkeit wenig entwickelt ist, wird der Geist noch nicht
wirklich ruhig, weil Konzentration (samadhi) fehlt. Man hat kein
Selbstvertrauen. Viele Zweifel kommen einem in den Sinn. Das ist der Grund,
warum die Übung keine rechten Fortschritte macht. Manche Leute geben dann den
Versuch, zu meditieren, auf und kehren nach Hause zurück. Als Grund geben sie
an, sie hätten zu Hause Arbeit zu erledigen, oder sie müßten sich um ihre
Kinder oder Enkel kümmern. Oder sie sagen, sie hätten kein geistiges Potential.
Manche Leute gestehen auch bereitwillig ein, daß sie es einfach nicht schaffen,
ihre geistigen Unreinheiten zu bekämpfen, und daß sie es vielleicht später noch
einmal versuchen wollen.
Die hauptsächlichen Hindernisse, die der
Meditierende in der Anfangsphase der Meditation überwinden muß, sind nichts
weiter als die fünf geistigen Hindernisse (nivarana) –
Die fünf geistigen Hindernisse (nivarana)
–
Der Anfänger wird feststellen, daß die fünf
Hindernisse den Geist ununterbrochen stören. Wer da kein Selbstvertrauen hat,
dem fehlt das Vermögen, weiter zu üben, und im allgemeinen werden diese dann
die Übung aufgeben müssen.
Aber diejenigen Übenden, die festentschlossen
sind und an die Weisheit Buddhas glauben, werden die Achtsamkeit einrichten, um
das Objekt zu noten, das gegenwärtig entsteht. Mit anderen Worten, sie werden
weiterhin unabläßig das Heben und Senken der Bauchdecke betrachten, und wenn
die Hindernisse im Geist auftauchen, werden sie dies achtsam bemerken: -
Wenn Verlangen entsteht, dann noten Sie ‘Verlangen,
Verlangen;’ wenn Ärger entsteht, noten Sie ‘Ärger, Ärger;’ wenn
Schläfrigkeit entsteht, noten Sie ‘schläfrig, schläfrig;’ wenn ein
wandernder Geisteszustand entsteht, noten Sie ‘wandern, wandern.’ Denken
entsteht: Noten Sie ‘denken, denken;’ Sorge entsteht: Noten Sie ‘sorgen,
sorgen;’ Zweifel entsteht: Noten Sie ‘unsicher, unsicher.’
Wenn die Übenden nur immer die geistigen
Hemmnisse noten, wann immer sie entstehen, dann werden sie gute Ergebnisse in
der Praxis erzielen. Das bedeutet, Achtsamkeit wird stärker und stärker werden.
Man wird die Gedanken, die entstehen, schneller erkennen. Dann kommen die
Gedanken allmählich zur Ruhe. Aber bevor es soweit ist, fühlen sich die Übenden
oft deprimiert und ärgern sich häufig. Dieser Ärger wird sich von selbst
erschöpfen, bis man ganz überrascht feststellt, wie sehr man sich verändert
hat. Zuvor gab es Gedanken und Wünsche bezüglich vieler Dinge; aber dann läßt
dieses Denken nach und nach nach. Wenn man besser sehen kann, daß diese Objekte
nicht stabil sind, nicht so bleiben, wie sie sind und sich pausenlos verändern,
dann wird das Noten mit Achtsamkeit eine kontinuierliche Haltung und die
Verblendung wird langsam gelüftet.
Sie entstehen, wenn der Meditierende die Übung
des Klarblicks fleißig vorangetrieben hat. Gute Konzentration (samadhi)
hat sich nach und nach aufgebaut. Das führt zu Manifestationen der
Konzentration. Verschiedene natürliche Phänomene (sabhava) von
Begeisterung und Ruhe (piti, passaddhi) tauchen ebenfalls häufiger auf.
Einige Meditierende haften an solchen Phänomenen aufgrund eines
Mißverständnisses an; manche glauben sogar, sie hätten schon eine hohe Stufe in
der Meditation erreicht. Einige gewinnen eine Vorliebe für Bilder, Farben oder
Licht (nimitta), weil sie diese Erscheinungen für ernstzunehmende Dinge
halten. Das kann auf lange Sicht in eine Sackgasse führen.
Ist der Meditierende froh und glücklich mit
diesen Objekten, wenn er in diesem Stadium der Entwicklung ist, so entsteht
daraus Anhaften (upadana), und er wird weiterhin Ausschau halten, was
sonst noch alles passiert. Das nennt man ‘an sabhava hängenbleiben.’ Der
klassische Kommentarausdruck ist “Verderben des Klarblicks” (vipassanupakkilesa). Das bedeutet,
diese Erlebnisse werden dem Klarblick zum Verderben: Die Übung macht keine
weiteren Fortschritte mehr. Man sagt dazu auch “ den falschen Weg gehen,”
denn es ist nicht die Übung des Mittleren Weges, welcher der einzige zur
Überwindung des Leidens ist, der Weg des Nicht-Anhaftens an den fünf Bündeln
der Geist-Körperlichkeit (nama-rupa), der Weg geistiger Reinheit, frei
von den Eintrübungen weltlicher Voreingenommenheit (asavakilesa), dieser
Maschinerie des Kummers. Es ist der Weg zum restlosen Verlöschen allen Leidens!
Jeder Übende wird den Hindernissen dieser
zweiten Stufe mehr oder weniger intensiv begegnen müssen. Man braucht dann
einen Klarblicklehrer, der bereit ist, einem zu helfen, damit man einsieht, daß
diese Phänomene, die da vor der Achtsamkeit auftauchen, nichts weiter als
Manifestationen des Geist-und-Körper-Komplexes (nama-rupa) sind, sie
sind nichts Besonderes. Das Ziel der Klarblickübung besteht darin, den Geist
auf ein Objekt zu richten, das höher steht als Geist-und-Körper, nämlich das
Verlöschen (nibbana) dieser beiden. Wenn wir damit anfangen, uns an
diese Geist-und-Körper-Objekte zu hängen, dann werden wir Nibbana nie
erreichen. Also müssen wir die Objekte, die zu Geist-und-Körper gehören
allesamt aufgeben. Solange man froh und glücklich über diese
Geist-Körper-Objekte ist, wird man sich außerstande sehen, die Hindernisse der
zweiten Stufe zu überwinden. Der Meditierende mit rechtem Verständis anerkennt
die entstehenden Objekte, indem er sie notet, und dann läßt er sie los und
haftet an nichts.
Die überwiegende Mehrzahl der Übenden wird
keine großen Probleme darin finden, die Hindernisse der zweiten Stufe zu
meistern. Mit einem qualifizierten Lehrer und intensiver Übung lernen sie eine
persönliche Auswahl von sabhava kennen und entwickeln dann die empfohlene
Haltung ruhiger, desinteressierter Aufmerksamkeit. Dann werden die Phänomene in
Häufigkeit und Intensität stark reduziert.
Die dritte Stufe von Hindernissen erreicht der
Übende erst in der fortgeschrittenen Entwicklung des Klarblicks. Da arbeitet
man daran, unerschütterlichen Gleichmut zu üben, um ein stabiles geistiges
Gefüge für Vertiefungskonzentration zu entwickeln. Das ist keine reine
Willenssache, denn wir sind organische Wesen, deren Lebenserfahrung natürlichen
Schwankungen unterworfen ist.
Das gilt auch für die Klarblickübung. Selbst
wenn ein Meditierender sich in gleichförmiger Weise beständig bemüht, tauchen
nach drei bis vier Stunden intensiver Meditation wieder mehr Gedanken auf. Man
erlebt Vorfreude, wünscht sich, das Ziel zu erreichen, oder man malt sich aus,
welche Schwierigkeiten noch vor einem liegen und betrachtet die eigene
Entwicklung kritisch. Solche Objekte hängen eng mit unserem Selbstverständnis
als handelnde Personen zusammen, und die Tendenz, sich zu identifizieren, ist
so stark, daß man die Objekte nicht gleichmütig notet. Das führt immer wieder
zu einem Verlust an Konzentration. Bemüht man sich daraufhin, wieder ruhiger zu
werden, verursacht man Geistesaktivitäten, die zu Sorgen, Anspannung,
Aufregung, und Sprunghaftigkeit führen.
In der fortgeschrittenen Stufe der Meditation
arbeitet man an der Überwindung von diffusen Erwartungen, Hoffnungen und
Befürchtungen. Man lernt da, die subjektivsten Gedanken und Erlebnisse nur als
geistige Objekte zu betrachten und gleichmütig zur Kenntnis zu nehmen. Dieser
Gleichmut ist hier kein Objekt für Identifikation, so wie im Zusammenhang mit
der zweiten Stufe von Hindernissen. Hier führt die Besinnung auf Gleichmut zur
direkten Wahrnehmung der drei Merkmale an diesen geistigen Objekten. Die
Identifikation ist dadurch aufgehoben, und die Konzentration wird sofort wieder
aufbauend. Wenn die Identifikation wegfällt, erlebt man geistige Räume, die
losgelöst sind von jeder Aneignung als persönliches Erlebnis.
Manchmal werden Konzentration und innere Ruhe
sehr rasch sehr tief. Keine Gedanken sind in Sicht und man erlebt einen völlig
veränderten Bewußtseinszustand. Die Konzentration ist reduziert auf den
nächsten Bereich, der dafür umso intensiver wahrgenommen wird. Dann empfindet
man den Körper nur als eine Sphäre von Achtsamkeit, die durchquert wird von
Gefühlen und Emotionen, als ob es Sternschnuppen wären. Oder man hat das
Gefühl, sich körperlich in einem engen Behälter zu befinden, auch das
Bewußtsein scheint eingezwängt. Man verliert zeitweise jede Idee von einem
Selbst, wird sich dessen aber nicht bewußt, solange es dauert. Nach
einer Weile hört diese Art der Geistestätigkeit auf, und zurückblickend stellt
man fest, daß Achtsamkeit äußerst aktiv gewesen ist, das Noten ging unabläßig
parallel mit dem gegenwärtigen Objekt, aber die Identifikation mit dem Noten
fehlte. Solche Erfahrungen sind typisch für die letzte Phase des
Klarblickfortschritts, wenn der Meditierende die drei Merkmale äußerst deutlich
wahrnimmt, aber die Objekte sind manchmal nicht klar. Man soll hier besonders
aufmerksam beobachten, wie die Geisteszustände und die Objekte sich von Moment
zu Moment verändern. Wenn man so immer den ersten Eindruck notet, wird die
Betrachtung sehr klar und ausgeglichen.
Manchmal gibt es Zeiten, wo das geistige
Benennen ohne Anstrengung sehr rasch wird, viel schneller, als man alles
aussprechen könnte. Dann sollte man die Achtsamkeit so einrichten, daß die
Hauptobjekte eingereiht sind in die Vielzahl von Eindrücken, die die Sinne
produzieren. Tauchen in diesem Prozeß wieder mehr Gedanken auf und man wird
häufiger unsicher, ob und wie man bestimmte Objekte noten soll, dann wird es
Zeit, die Achtsamkeit bewußt für eine Weile auf die geläufigen vier
Hauptobjekte zu beschränken, um den Zuwachs an Achtsamkeit wieder in
Konzentration umzusetzen. So ergänzen sich Achtsamkeit und Konzentration bei
der Arbeit während der Vertiefungsphase der Klarblickmeditation.
Die Entwicklung von Konzentration kann man mit
der Aufgabe vergleichen, einen schwerbeladenen Lastwagen auf einen steilen Berg
hinaufzufahren. Um den Gipfel erreichen zu können, braucht der Lastwagen einen
starken Motor.
Zu Beginn der Übung ist die Konzentration noch
ungeübte momentane Konzentration (khanika samadhi); wenn man das Heben/Senken
notet, wird man schnell von diesem Objekt abgelenkt. Wird die Konzentration
stärker, dann wandelt sich ihre Funktion zu angrenzender Sammlung (upacara
samadhi) und sie kann länger bei dem Objekt bleiben. Aber man muß ja noch
die Stufe erreichen, wo die angrenzende Sammlung in Vertiefung (appana
samadhi) übergeht, die noch stärker und tiefer ist. Diese volle
Konzentration ist Voraussetzung für den ‘edlen Pfad’. Wer dies
verwirklichen möchte, darf sich nicht auf ein absehbares Ende einstellen, sonst
erreicht er nichts. Nur wer mit ganzer Kraft unablässig weiterübt, ohne seinen
Fortschritt zu berurteilen und abzuschätzen – nach dem Motto: “Wer neunzig
Prozent geschafft hat, vor dem liegt noch die Hälfte” – der bringt die
Konzentration auch zur Vollendung.
Buddha hat die Menschen allgemein in vier
Klassen von Individuen eingeteilt und verglichen mit vier Entwicklungsstadien
von Lotusblumen: solche, die sich in voller Blüte über dem Wasser erheben;
solche, deren Knospen über dem Wasserspiegel und kurz vor dem Aufbrechen sind;
solche, deren Knospen kurz davor sind, aus dem Wasser zu kommen; und solche,
die nicht aus dem Wasser kommen werden. Zu den vier Arten von
Indviduen erklärte Buddha:
AUSGLEICH DER FÄHIGKEITEN
Wenn der Meditierende allmählich die
Achtsamkeit im Bemerken von Geist und Körper eingerichtet hat, dann gewinnen
auch die fünf geistigen Fähigkeiten (indriya) mehr und mehr an Einfluß.
Die
fünf geistigen Fähigkeiten:
Um herauszufinden, ob diese fünf
Geisteskräfte (cetasika) schon die Stärke von geistigen Fähigkeiten (indriya)
haben, muß man prüfen, ob die Hindernisse der zweiten Stufe schon überwunden
sind. Wenn sie immer noch in der Meditation auftauchen, dann hat man noch nicht
die Stufe der indriya erreicht. Erst wenn die Hindernisse der zweiten
Stufe völlig überwunden sind, kann man von diesen Geisteskräften in der
Funktion von indriya (kontrollierender Kraft) sprechen.
Zu Beginn der Übung kann, zum Beispiel, die
Achtsamkeit noch nicht die unmittelbare Gegenwart noten. Aber im Laufe der
Übung wird sie schneller, bis sie das Entstehen und Vergehen von Geist und
Körper (nama-rupa) anhand gegenwärtiger Sinneserlebnisse beobachten
kann, und gewinnt so den Anschluß an die Wirklichkeit. Klarblick und Weisheit (nana,
panna) steigen von da an von Stufe zu Stufe bis zum höchsten Gipfel des
Klarblicks hinauf.
Das Erleuchtungserlebnis, also den
überweltlichen edlen Pfad (lokuttara magga) und seine Frucht (phala)
wirklich zu durchlaufen, ist nicht so einfach, wie manche Leute es gerne
hinstellen möchten – diejenigen nämlich, die nur glauben, sie hätten bereits
transzendentes Wissen. In den allermeisten Fällen handelt es sich da um
falsches Wissen, und das führt nur zu Angeberei und falschem Stolz und lockt
andere auf die falsche Fährte.
F: Manche
Leute sagen, wenn die fünf geistigen Fähigkeiten (indriya) nicht im
Gleichgewicht sind, macht man in der Übung keine rechten Fortschritte. Wie
kommt das?
A: Wenn
man die vier Grundlagen der Achtsamkeit übt, werden die Geisteskräfte, die zu
den Fähigkeiten zählen –
Vertrauen, Energie, Achtsamkeit, Konzentration und Weisheit – immer gemeinsam aktiv, weil sie
Bestandteile des Achtfachen Pfades sind. Sie sind aber nicht immer in einem
ausgeglichenen Verhältnis, wenn sie auftauchen. Diese fünf Fähigkeiten setzen
sich zusammen aus zwei Paaren miteinander kommunizierender Kräfte: Vertrauen
und Weisheit sind das eine Paar, Energie und Konzentration das andere.
Achtsamkeit, die verbleibende, fünfte Kraft, hat die Funktion, die Arbeit
dieser beiden Paare zu beaufsichtigen, zu regulieren und ihre Qualitäten zu
harmonisieren.
Man kann das mit einem Vierspänner
vergleichen, wo der Kutscher die Aufgabe hat, die Pferde zu dirigieren, sodaß
sie alle gleichmäßig laufen. Wenn eines zu schnell wird, muß er die Zügel
benutzen, um dieses Pferd mit den anderen zu koordinieren. Wenn eines an Tempo
verliert, werden die Zügel schlaffer. Dann nimmt der Kutscher die Peitsche, um
dieses Pferd auf die gleiche Leistung wie die anderen zu bringen. Der Kutscher
muß die Pferde unabläßig beobachten und dirigieren, damit sie in einem
gleichmäßigen Tempo gemeinsam den Wagen ziehen. Wenn seine Kontrolle nicht gut
ist, behindern sich die Pferde gegenseitig und der Wagen bleibt nicht in der Spur.
Kommt er nicht ganz vom Weg ab, so wird der Wagen doch langsam und ist schwer
zu steuern.
Ähnlich verhält es sich mit den fünf geistigen
Fähigkeiten: Wenn sie nicht im Gleichgewicht sind, muß Achtsamkeit hart
arbeiten, um sie durch Noten miteinander zu harmonisieren und auszugleichen –
Eine Ungleichheit von Vertrauen (saddha)
und Weisheit (panna) macht sich auf folgende Weise bemerkbar: Wenn der
Geist ruhig wird in der Übung, können Manifestationen von Konzentration (samadhi)
im Geist auftauchen. Übende, die nicht mit Achtsamkeit noten, schauen mit
Zufriedenheit auf diese Objekte – oder sie noten zwar, aber nicht mit dem
Wunsch, sie vorübergehen zu lassen, nicht an den Objekten anzuhaften. Je mehr
man sie notet, desto klarer und deutlicher werden die Bilder; das Noten kann
sie dann nicht zum Verschwinden bringen. In einem solchen Fall ist Vertrauen
stärker als Weisheit. An irgendwelchen Objekten anzuhaften oder Dinge für real
zu halten, die wirklich irreal sind, dazu sagt man: Vertrauen überwiegt die
Weisheit.
Wenn der Übende von seinem Klarblicklehrer den
Rat erhält, daß jedwedes Objekt, das im Geist auftaucht, sofort genotet werden
muß, daß er an diesen Objekten keinen Gefallen finden soll, und der Übende
versteht das, dann wird er einfach die Achtsamkeit anwenden und diese nimitta
– Licht, Farben, Bilder – als ‘sehen, sehen’ noten, bis sie verschwunden
sind. Und wenn sie erneut auftauchen, kann man das Entstehen und Vergehen
dieser Objekte erkennen. So wird Weisheit ins Gleichgewicht mit Vertrauen
gebracht.
Bei manchen Übenden liegt der Fall genau
umgekehrt: Bei ihnen überwiegt Weisheit das Vertrauen, weil sie viel
studiert haben und viel wissen. Sie haben Vorlesungen von Fachleuten gehört
oder auf eigene Faust studiert. Wenn sie anfangen zu meditieren, dann erleben
sie schon mal das eine oder andere Objekt oder sabhava. Und dann müssen
sie immer denken und überlegen: “Das ist ein sabhava Phänomen und heißt
so und so.”
Wenn sie immer denken und überlegen, wird ihr
Geist noch unruhiger. Das geht bei einigen soweit, daß sie nicht mehr schlafen
können. Dadurch wird man körperlich erschöpft und nervlich überbelastet. Dieses
intensive Nachdenken über die Wirklichkeit ist ja nur Verstandesweisheit (cintamayapanna)
– Weisheit, die durch Denken entsteht, wenn der Verstand versucht, eine
Vorstellung der Wirklichkeit auf dem Gebiet des Denkens zu bilden.
Bei manchen Leuten wird dieses selbe Übergewicht
der Weisheit über Vertrauen von Selbstüberschätzung oder Einbildung (mana)
verursacht. Sie denken, sie wären was Besonderes; schließlich werden sie zu
Leuten, die niemandem mehr glauben, nicht einmal dem eigenen Klarblicklehrer,
und so kommt es, daß Weisheit das Vertrauen überwiegt.
Die Methode für diese Meditierenden besteht
darin, daß sie das Denken oft noten müssen: ‘denken, denken ’. Wenn sie überzeugt sind, richtig zu denken,
sollen sie ‘richtig denken, richtig denken’ noten, bis das unruhige,
aufgeregte Denken allmählich verebbt. In dieser Phase muß der Klarblicklehrer
den Übenden ermahnen und trösten, und darauf hinweisen, daß diese sabhava,
oder was immer, nur Manifestationen von Geist-und-Körper sind, und daß sie bloß
in der Anfangsphase der Meditation auftauchen. Man soll sich gar nicht weiter
damit befassen. Der Lehrer sollte dazu Beispiele wie dieses geben: -
Ein Mann ist auf der Suche nach einem
lupenreinen Diamanten. Er weiß, daß der Diamant auf einem Berggipfel ist. Als
er den Fuß des Berges erreicht, findet er da im Schatten glitzernde Steine in
allen Farben. Er hält sie für echte Diamanten, ist ganz gebannt und entzückt
und beginnt, sie einzusammeln. Der echte Diamant wird ihm entgehen, wenn er so
weitermacht. Schuld daran ist sein eigenes Mißverständnis.
So richtet auch der Meditierende seinen Geist
auf ein hohes Ziel, Nibbana, aber ihm begegnen nur Geist-und-Körper.
Dazu kommt falsches Verständnis, und dann haftet er am eigenen Denken an. Wenn
der Lehrer ihm erklärt, daß dieser Geist-Körper-Komplex vergänglich, bedrückend
und kein Selbst ist, daß nicht einmal die eigenen Gedanken dauerhaft sind, dann
muß er die Achtsamkeit anwenden und nur dieses gegenwärtige Objekt noten: ‘denken,
denken’. Wer in der Meditation denkt, meditiert
nicht, sondern denkt. Wer aber mit Achtsamkeit das gegenwärtige Objekt notet,
der übt Klarblickmeditation. Wenn der Übende die Achtsamkeit anwendet und das
Denken aufhört, dann ist Weisheit im Gleichgewicht mit Vertrauen.
Das zweite Paar von Fähigkeiten, besteht aus
Energie (viriya) und Konzentration (samadhi), ist während des
gesamten Übungsverlaufs der Motor der Entwicklung. Sind diese Kräfte nicht im
Gleichgewicht, dann stagniert der Fortschritt. Wenn Energie die Konzentration
überwiegt, fängt der Übende an, viel unsinniges Zeug zu denken und erwägt
irrlichternd Vergangenes und Zukünftiges. Oder er denkt erwartungsvoll an die
Ergebnisse, auf die er hofft, kann kaum erwarten, daß etwas passiert, und
möchte dieses oder jenes Phänomen erleben. Ein Geist, der solche sabhava
produziert, ist kein ruhiger Geist; es mangelt an Konzentration. Oder anders
gesagt, Energie überwiegt die Konzentration.
Die Methode für den Ausgleich der Fähigkeiten
besteht darin, die Konzentration zu vermehren. Man muß die Methode zur
Vertiefung der Konzentration gewissenhaft anwenden. Konzentration wird
intensiviert, indem man während der Gehmeditation sehr langsam geht. Von den
sechs Stufen der Gehmeditation werden der vierte, fünfte und sechste Gang
eingesetzt, um die Konzentration zu vermehren. Dadurch wird der Geist beruhigt
und bleibt stärker mit dem Hauptobjekt verbunden. Man soll sehr langsam gehen
und die einzelnen Phasen der Schritte genau mit Achtsamkeit verfolgen, vom ‘aufheben’ der Ferse bis zum ‘absetzen’ des Fußes. Momentane Konzentration, die von
Moment zu Moment neu entsteht, wird dann kräftiger werden und länger anhalten.
Obwohl das Gehen normalerweise die Energie vermehrt, kann man doch so gehen,
daß die Konzentration ansteigt bis sie gleichauf mit der Energie ist.
Wenn es in der Sitzübung an Konzentration
mangelt, kann das verschiedene Gründe haben. Nehmen wir den Fall an, daß der
Übende rastlos denkt und sinnt. Er kann das gegenwärtige Objekt nicht noten,
weil es zu unklar ist. Starke Schmerzen in Knien, Beinen, Hüfte, Schultern oder
Rücken zermürben ihn. Er ist verkrampft und der Geist fängt an zu irrlichtern.
Die Eintrübungen (kilesa) stören ihn häufig. Um nun die Konzentration zu
verbessern, muß man zuerst mit Nachdruck auf das Hauptobjekt achten – ‘heben/senken’ – und sicherstellen, daß es sorgfältig genotet wird.
Dreißig Minuten lang soll man die Achtsamkeit an das Hauptobjekt binden und
beim Noten genau aufpassen. Man soll sich dabei entspannen, nicht durch Zwang
verkrampfen. Wenn ein Gedanke auftaucht, muß er sofort genotet werden. Man muß
den Gedanken als Hinderniss erkennen, das den Geist nicht zur Ruhe kommen läßt.
Wenn der Geist ruhiger wird, werden die Objekte klarer und das Noten leichter.
Dann ist die Betrachtung wieder in der Gegenwart. Wenn der Geist in der Übung
ruhiger wird, dann werden auch die Schmerzen weniger. Gewinnt die Konzentration
an Kraft, wächst die innere Ruhe (passaddhi) und Konzentration
(samadhi) ist im Gleichgewicht mit Energie (viriya).
Wenn Konzentration stärker ist als Energie,
dann wird dieser ruhige Geist an Intensität verlieren und allmählich träge zu
schweben beginnen. Achtsamkeit wird schwächer, man wird vergeßlich und kann
nicht mehr das gegenwärtige Objekt noten. Allmählich verändert sich dann der
Geist von bloßer Trägheit zu Benommenheit und geistiger Starre. Da kann es bei
der Gehübung sogar vorkommen, daß man halb schläft. Dann beginnt man, während
des Gehens zu torkeln, zu stolpern, oder sogar hintüber zu kippen. Solche
Anzeichen treten auf, wenn Konzentration die Energie überwiegt.
Um die Fähigkeiten auszugleichen muß man die
Energie vermehren, indem man mehr geht als sitzt. Wenn man, zum Beispiel, für gewöhnlich
dreißig Minuten sitzt und dreißig Minuten geht, sollte man die Gehmeditation
jetzt ausdehnen auf vierzig oder fünfzig Minuten. Manche können ruhig eine
Stunde gehen und dreißig Minuten sitzen. Beim Gehen soll man die niederen
Schritteinteilungen nehmen, den ersten, zweiten und dritten Gang. Dazu sollte
man etwas schneller gehen als gewöhnlich. Um den Körper wieder zu aktivieren,
und so dem Geist Energie zuzuführen, sollten einige, die schon die
detailliertere Gehmeditation vom vierten Gang aufwärts übten, wieder zu den
früheren Schritten zurückgehen. Je mehr man im ersten Gang gehen kann, desto
besser.
Wenn in der Sitzmeditation ein Übergewicht von
Konzentration entsteht, muß man die Methode genau auf die Situation abstimmen.
Wird der Geist allmählich träge und treibt selbstvergessen dahin, dann soll man
auf jeden Fall vier Hauptobjekte noten: ‘heben, senken, sitzen, berühren.’
Oder je nach Bedarf mehrere Gelenkpunkte einsetzen. Vom rechten Sitzknochen
geht man zum linken; wenn nötig, fügt man noch einen Knöchel hinzu und notet
drei Punkte; und dann nimmt man den anderen Knöchel auch noch dazu. Das hängt
aber von der natürlichen Geschwindigkeit des Atems ab. Heben/senken und
diese Berührungspunkte sollten kontinuierlich in gleichbleibender Abfolge mit
Achtsamkeit angesteuert werden. Diese Art zu noten kann den Geist wieder
wachsam und beweglich machen. Allmählich wird Energie in der Sitzhaltung
zunehmen, bis sie gleich stark ist wie Konzentration. Benommenheit und Trägheit
werden sich allmählich bessern und schließlich ganz auflösen.
Was nun die Achtsamkeit als geistige Fähigkeit
betrifft: je mehr man davon hat, je besser. Denn Achtsamkeit (sati) ist
die Fähigkeit (indriya), die die anderen im Schlepptau hat. Achtsamkeit
ist das Regulativ, das die Fähigkeiten der beiden Paare miteinander ausgleicht,
wenn man Geist-und-Körper in der Gegenwart notet. Ist Achtsamkeit so stark
entwickelt, daß sie jeden Moment des Erlebens automatisch mit dem Bewußtsein
auftaucht, dann erlebt der Meditierende Achtsamkeit als vollentfaltete
Fähigkeit, die das unmittelbare Entstehen und Vergehen eines jeden Objekts mit
eindringlicher Klarheit realisiert.
Wenn Vertrauen die Weisheit überwiegt
und der Geist anfängt, nach verschiedenen nimitta und Bildern zu
greifen, die von Konzentration herrühren, dann notet Achtsamkeit diese Objekte
im ersten Moment, ohne abzuwarten: ‘sehen, sehen,’ und die Objekte
verlöschen sofort. Tauchen sie noch einmal auf, werden sie wieder genotet und
verlöschen wieder. So gleicht Achtsamkeit Vertrauen mit Weisheit aus.
Wenn umgekehrt die Weisheit das Vertrauen
überwiegt, dann denkt man über die Lehre nach, erwägt und beurteilt sabhava
oder sonderbare Phänomene. Danach verfängt man sich in den Gedanken und haftet
daran. Das führt wieder zu Aufregung und man denkt noch mehr. In diesem Fall
muß die Achtsamkeit besonders rigoros das Denken noten, bis sie so schnell
wird wie das Denken. Dann wird das Denken aufhören. Weisheit (panna)
und Vertrauen (saddha) sind wieder im Ausgleich und werden durch
die Übersicht von Achtsamkeit im Gleichgewicht gehalten.
Mit dem Paar Energie (viriya) und Konzentration
(samadhi) ist es genau dasselbe: Wenn Energie die Konzentration übertrifft
und der Geist wird von Gedanken und Reflektionen überschwemmt, dann muß
Achtsamkeit fleißig noten, bis das Denken aufhört. Das wird die Kraft der
Energie bändigen und an die Konzentration anpassen.
Wenn andererseits Konzentration übermäßig
wird, gibt es Probleme mit Schläfrigkeit und Niedergeschlagenheit. Dann muß
Achtsamkeit beim Noten hart am Ball bleiben, um die Entstehung der
aufeinanderfolgenden Schläfrigkeitsmomente genau zu erkennen, dann ist die
Schläfrigkeit plötzlich wie weggeblasen. Das zeigt den Ausgleichspunkt von
Energie und Konzentration an und ist sehr günstig für die Übung.
Beim Ausgleichen der fünf Fähigkeiten muß der
Übende einfallsreich sein, was die Auswahl der Methoden angeht, die man
benutzt, um ein akutes Problem in der Meditation zu lösen. Und dann muß man
prüfen, ob die veränderte Übung zum richtigen Ergebnis führt, und ob sie sich
mit der Persönlichkeit verträgt. Da nicht alle Leute denselben Geist haben,
unterscheiden sich auch ihre Veranlagungen und ihr Charakter. Deshalb soll man
immer nach dem Motto verfahren: Sich selber eine Zuflucht sein! Es
sollte jeder Experte für seine eigene Erfahrung werden.
Das bedeutet aber auch Verantwortung. Um die
eigene Situation korrekt einschätzen zu können, brauchen wir die Achtsamkeit.
Deshalb muß jeder Achtsamkeit entwickeln, damit sie allmählich kräftiger wird. Jeder
Zuwachs an Achtsamkeit wird ungeschmälert in Fortschritt verwandelt. Wenn
Vertrauen, Energie, Achtsamkeit, Konzentration und Weisheit nicht ausgeglichen
sind, wenn die eine Seite die andere überwiegt, wenn sie sich gegenseitig
behindern, dann ergibt sich ein geistiges Ungleichgewicht. Aber gut entwickelte
Achtsamkeit hat die Fähigkeit, die Kräfte in beiden Paaren zu kontrollieren und
wieder in ein ausgeglichenes Verhältnis zu bringen.
Die widerstreitenden Fähigkeiten werden sich
vereinen, die ungleich gewichteten werden ausgeglichen, bis die fünf
Fähigkeiten sich zu einer Kraft bündeln. Dann wird man ein Experte in der
Betrachtung des gegenwärtigen Objekts.
Und dadurch wird jene Weisheit geweckt, die
die fünf Anhäufungen als vergänglich, bedrückend und kein Selbst durchschaut.
Materielle und geistige Phänomene entstehen
und vergehen auf natürliche Weise. Die Geist-und-Körper-Objekte schreien uns
die Wahrheit ins Gesicht. Es gibt wahrhaftig nichts, woran sich lohnte
anzuhaften. Man muß unbeirrt weiterüben, entschlossen, die Zuflucht zu
erreichen, wo alles Leid verlöscht, Nibbana.
JENSEITS VON EINTRÜBUNG UND HANDELN
Eintrübung, Handeln und Ergebnis
F:
Wieviele Arten von Eintrübung (kilesa) gibt es? Wie kommt es dazu, daß
die Eintrübungen im Geist entstehen?
A:
Eintrübungen (kilesa) fallen in drei Kategorien-
Den Unterschied zwischen diesen drei Arten von
Eintrübungen kann man verdeutlichen mit einem Streichholz. Die mittleren
Eintrübungen sind wie das Feuer, das im Streichholzkopf schlummert. Die
mittleren Eintrübungen sind schon aktiv, wie wenn man mit dem Streichholz über
die Streichfläche streicht; dann wird das Feuer sichtbar. Grobe Eintrübungen
handeln in die Umwelt hinein: Man nimmt das Streichholz und zündet damit
brennbares Material an. Das Objekt wird vom Feuer verzehrt und kann einen
großen Brand auslösen.
F: In
welchem Zusammenhang stehen die Eintrübungen, die Handlungen und deren
Ergebnisse miteinander?
A: Die
Menschen werden in die Welt geboren mit unterschiedlichen Existenzen, sie sind
gut oder schlecht, dumm oder weise, glücklich, reich, schön, oder unglücklich,
arm und häßlich. Das sind Ergebnisse (vipaka) früherer Taten (kamma).
Im Kreislauf abhängiger Entstehung ist dies die Runde der Ergebnisse. Es sind
die Ergebnisse unserer eigenen Taten in früheren und in diesem Leben.
Körperlich handeln heißt in Pali kayakamma, sprechen heißt vacikamma.
Diese beiden Arten von kamma sind die Aktivität der groben Eintrübungen
(vitikkama kilesa). Töten, stehlen, lügen, sexuelles Fehlverhalten und
Alkoholkonsum sind Beispiele dafür. Die groben Eintrübungen werden verursacht
von der dritten Art des kamma: der Geistestätigkeit (manokamma).
Dieses geistige kamma ist die Aktivität der mittleren Eintrübungen (pariyutthana
kilesa). Wenn wir die Geistestätigkeiten, also die Eintrübungen, die im
Geist auftauchen, nicht kontrollieren können, finden sie körperlich und verbal
ihren Ausdruck, und das ist wieder körperliches und verbales kamma. Die
Geistestätigkeiten (manokamma), ihrerseits, werden verursacht von den
feinen Eintrübungen (anusaya kilesa), die im Strom unseres unbewußten
Lebenskontinuums schlummern.
Eintrübungen (kilesa) sind Ursachen für
das Entstehen von Taten (kamma) auf drei Ebenen von Intensität:
Gedanken, Worten und Handlungen. Diese Taten werden selbst wieder zu Ursachen
für die Entstehung von Ergebnissen (vipaka). Das gemeinsame Wirken und
die gegenseitige Beeinflußung von Handeln (kamma) und seinem Ergebnis (vipaka)
ist jedoch nichts anderes als die fünf Bündel von Geist-und-Körper.
Konventionell gesprochen: Dieses Ineinandergreifen von Ursache und Wirkung sind
wir, oder genauer gesagt, der jeweilige Geist, der den Eintrübungen (kilesa)
Unterschlupf bietet. Die Eintrübungen (kilesa) verursachen Handlungen (kamma).
Das Handeln verursacht Ergebnisse (vipaka), und da sind schon wieder
wir, aufgebaut von der eigenen Geistestätigkeit und unserem Handeln, und bieten
erneut Eintrübungen (kilesa) Unterschlupf.
Eintrübungen sind die Ursache für
Geistestätigkeit und Handeln, und dieses Tun hat die Macht, immer wieder neue
Wesen aufzubauen. Diese drei wirbeln haltlos umeinander, ohne Ziel und Ende.
F: Wie
muß man sich üben, wenn man die drei Runden von Eintrübung, Handeln und
Ergebnis überwinden will?
A: Buddha
der Erleuchtete erkannte, daß Geburt, Alter, Krankheit und Tod Leiden (dukkha)
sind. Er suchte nach der Ursache dieses Leidens und fand heraus, daß überall in
der Welt der Lebewesen Geburt, Alter, Krankheit und Tod durch
(Willens-)Tätigkeit (kamma) verursacht werden. Als er die Ursache des
Handelns erforschte, da stieß er auf die Eintrübungen (kilesa) und vor
allem das Verlangen (tanha) als der Wurzel aller Trübungen. Demnach sind
also alle Arten von Leiden (dukkha) verursacht von Verlangen (tanha).
Mit den vier edlen Wahrheiten hat Buddha
aufgezeigt, daß Verlangen die Wurzel des Leidens ist. Um das Leiden
auszulöschen, muß man seine Wurzel vernichten, daß heißt, man muß das Verlangen
auslöschen. Wir sind entstanden aus dem Verlangen nach Existenz. Wollen wir
Geburt und Tod überwinden, dann müssen wir dieses Verlangen überwinden. Aber
wie soll man das bewirken?
Dazu sagte Buddha: Um das Verlangen
auszulöschen, muß man den Achtfachen Pfad entwickeln, den mittleren Weg (majjhima
patipada). Die Übung des Mittleren Weges führt direkt zur völligen
Auflösung des Verlangens. Wer sich über die drei Runden erheben möchte, muß
also den Achtfachen Pfad in sich entwickeln und seine Bemühungen immer weiter
verfeinern, bis nur die Übung der vier Grundlagen der Achtsamkeit übrigbleibt.
F: Wie
soll man seine Bemühungen verfeinern, um den Achtfachen Pfad mit den vier
Grundlagen der Achtsamkeit in Übereinstimmung zu bringen?
A: Der
Achtfache Pfad hat in der Übung des Klarblicks folgende Merkmale:
Der
Achtfache Pfad im Klarblick
Um ein Radiogerät, einen Fernseher oder
Ähnliches zu bauen, braucht man viele elektrische Schaltungen, die alle mit
einem Punkt verbunden sein müssen, einem Hauptschalter, einem Hebel oder
Druckschalter. Wenn man das Gerät einschalten möchte, drückt man einfach den
Knopf, und alle Teilbereiche nehmen sofort ihre Arbeit auf. In vergleichbarer
Weise hat Buddha, der Wissenschaftler des Geistes, das korrekte Verfahren gesucht,
welches einfach und effektiv zu benutzen sein sollte. In seinem Bemühen um
Vereinfachung und eine Reduktion auf das Wesentliche faßte der Buddha den
Achtfachen Pfad zu dem zusammen, was er den “einzigen Weg” (ekayanomaggo)
nannte: die vier Grundlagen der Achtsamkeit. Diese vier Grundlagen der
Achtsamkeit, die als siebter Bestandteil des Achtfachen Pfades Rechte
Achtsamkeit heißen, sind dieser einzige Weg.
F: Was zeichnet rechte
Achtsamkeit aus, so daß sie zum einzigen Weg wird?
A: Die
Bedeutung rechter Achtsamkeit (samma-sati) erweist sich in der
Klarblickübung auf folgende Weise:
Für das Verlöschen des Verlangens üben
F: Was
soll man tun, um das Verlangen auszulöschen, die Ursache des Leidens (dukkha)?
A:
Verlangen läßt sich gut mit Feuer vergleichen. Feuer flackert auf, wenn dafür
ein Anlaß da ist, zum Beispiel ein Streichholz, ein elektrischer Funke, oder
ein glühender Zigarettenstummel. Ganz am Anfang ist es nur ein Funke oder
Flämmchen und ist leicht auszulöschen. Man kann es auspusten oder mit dem Fuß
austreten, dann verlöscht es. Wenn dieses kleine Feuer aber genug Nahrung
findet und weiterbrennt, dann breitet es sich zu einem Flächenbrand aus, der
äußerst schwierig zu löschen ist, wenn überhaupt.
Das Gleiche ist es mit dem Feuer des
Verlangens, das in unserem Geist entbrennt. Es meldet sich zuerst nur als
kleines Flämmchen. Wenn wir es rasch bemerken, können wir es leicht auslöschen.
Bemerken wir es aber erst später, dann kann es schwierig zu löschen sein, weil
das im Inneren brennende Feuer sich schon in die Außenwelt ausgebreitet hat.
Um das Feuer zu löschen, braucht man die
richtige Ausrüstung, oder ein Verfahren, das für das Löschen des Feuers richtig
und geeignet ist. Wasser kann man benutzen, um Feuer zu löschen. Der Edle
Achtfache Pfad oder die vier Grundlagen der Achtsamkeit sind die geeignete
Ausrüstung, um das Feuer des Verlangens auszulöschen.
Also müssen wir uns selbst prüfen, ob wir
Wasser zum Löschen haben, oder ob wir keines haben. Falls wir keines haben
müssen wir uns beeilen, welches zu holen, denn das Feuer des Verlangens verzehrt
uns. Es muß sofort gelöscht werden, heute noch! Wir können nicht bis
morgen warten. Entwickeln Sie Achtsamkeit, die noch nicht entstanden ist,
sodaß sie entsteht! Machen Sie mehr aus der Achtsamkeit, die schon entstanden
ist!
Allgemein gesprochen, behandelt der Geist das
Verlangen wie einen guten, alten Freund, denn Verlangen ist der Bestand, den
wir unwissentlich angesammelt haben, unsere alten Gewohnheiten, die sich
ständig von selber bemerkbar machen als Begehren danach, einen schönen Anblick,
wohlklingende Geräusche, aromatische Düfte, schmackhaftes Essen und sanfte
Berührung zu geniessen. Dieses Feuer im ersten Moment auszulöschen, ist
schwierig, denn es gibt nur wenig Wasser. Man muß mit Energie die Achtsamkeit
entwickeln, viel davon und schnell, denn Achtsamkeit ist das Wasser zum
Löschen des Verlangens.
Sobald Achtsamkeit eingerichtet ist, beginnt
sie, die Sittlichkeit (sila) zu unterstützen durch die Kontrolle der
Sinnesfähigkeiten (indriya-samvara-sila), sodaß die Reinheit ungebrochen
und makellos bleibt. Kontrolle der Sinnesfähigkeiten bedeutet, sorgsam zu
wachen über die Augen, die Ohren, die Nase, die Zunge und den Geist, indem man
Achtsamkeit auf die vier Grundlagen der Achtsamkeit richtet, weder erfreut,
noch verärgert, wenn die Sinnesorgane mit erfreulichen oder unerfreulichen
Objekten in Kontakt kommen. Wenn die Entwicklung der Achtsamkeit deutlichere
Ergebnisse zeigt, erkennt man sofort, ob die Hindernisse da sind oder nicht.
Wenn es im Geist kein Verlangen gibt, weiß
man, daß da kein Verlangen ist; wenn aber Verlangen da ist, so weiß man, daß es
da ist. Wenn das Verlangen im Geist bleibt, dann weiß man, daß es bleibt, und
wenn das Verlangen verlöscht, dann weiß man, daß es verlöscht. Wenn Achtsamkeit
soviel Stärke gewinnt, daß sie den Geist betrachten kann und sieht, wie das
Verlangen im Geist entsteht, andauert und vergeht, dann werden die mittleren
Eintrübungen, die fünf Hindernisse (nivarana-kilesa), schwächer und
tauchen weniger häufig auf. Sie dominieren den Geist nicht mehr und entwickeln
sich nicht zu groben Eintrübungen.
Mit der unerschütterlichen Überzeugung, daß er
die Hindernisse, diese ‘Maschinerie des Leidens,” endgültig aus dem
Geist entfernen kann, muß der Übende die Achtsamkeit weiter entwickeln, ohne
aufzugeben. Wenn die Weisheit des Pfades auftaucht, dann gelangt er zu der
Wahrheit, daß alles, was von Natur aus entsteht, auch von Natur aus vergeht.
Diese Wahrheit der Natur – die fünf Anhäufungen von Körper und Geist –
zu durchdringen, bringt es mit sich, daß man alle körperlichen und geistigen
Phänomene entstehen sieht, einen Moment dauern sieht, und dann vergehen sieht,
ohne eine dauernde Substanz, die bleibt.
Auf der manifesten Ebene wird das deutlich,
wenn wir die Menschen betrachten. Alle Menschen müssen sterben,ob reich oder
arm, gut oder schlecht, mächtig oder machtlos, schön oder häßlich. Menschliche
wie auch alle anderen Wesen entstehen, leben eine Zeitlang und sterben dann.
Auch alles andere, was entstanden ist, muß aufgrund seiner Natur ohne Ausnahme
vergehen.
Wenn diese Wahrheit uns geläufig ist, werden
wir die Geduld und Beharrlichkeit besitzen, die Achtsamkeit noch weiter zu
entwickeln und die Eintrübungen zu überwinden. Gemeinsam mit Achtsamkeit werden
dann alle heilsamen (kusala) Geisteskräfte entstehen und allmählich
Kraft gewinnen. Wenn sie ausgereift sind, wird sich der Achtfache Pfad vom
weltlichen Pfad des Klarblicks (lokiya magga) zum überweltlichen Edlen
Pfad (lokuttara magga) wandeln, der Ursache und Wirkung in sich vereint.
Beim Erreichen des überweltlichen Pfades wandelt sich der Meditierende vom
Weltling (puthujjana) zum Edlen (ariya puggala) auf einer der
vier Stufen der Befreiung.
Für den neuen Meditierenden bedeutet
Entwicklung der Achtsamkeit deshalb, schrittweise mit den vier Grundlagen der
Achtsamkeit vertraut zu werden –
Zu Beginn der Übung ist es noch nicht möglich,
die Entstehung des Denkens zu noten. Erst wenn die Anstrengung in der Übung
kontinuierlich wird, lernt man nach und nach, die Gedanken zu noten. Dennoch
gelingt es nicht, den unmittelbaren Anfang zu erkennen; man merkt oft erst nach
einer Minute, daß Gedanken im Geist sind. Aber mit weiterer Übung verbessert
sich die Achtsamkeit und man kann den Fortgang des Denkens mit zunehmender
Schnelligkeit noten, bis man schließlich das Entstehen und Vergehen der
Gedanken unmittelbar beobachten kann.
Manchmal bemerkt man, daß der Geist gerade
anfangen will, zu denken. Manchmal beobachtet man, wie ein Bild auftaucht, das
aus der Erinnerung entstanden ist, und dann folgen Gedanken nach. Kann man das
gegenwärtige Objekt auf diese Weise betrachten, dann wird die Wahrheit
offensichtlich, daß alle Eintrübungen zusammen mit dem Bewußtsein auftauchen
und zusammen mit dem Bewußtsein auch verlöschen. Wie es in der Lehre über die
Grundlagen der Achtsamkeit (satipatthana-sutta) heißt: Wenn kein
Verlangen im Geist ist, weiß man, daß da keines ist; wenn das Verlangen
entsteht, weiß man daß es entsteht; wenn es andauert, weiß man, daß es
andauert; wenn das Verlangen im Geist verlöscht, dann weiß man, daß es
verlöscht; und wenn es aufgrund einer bestimmten Ursache verlöscht, dann kennt
man diese Ursache.
Haben Achtsamkeit und Weisheit (sati-panna)
dieses Niveau erreicht, dann wird einem klar, wie mächtig Achtsamkeit ist, denn
sie kann das Entstehen und Vergehen der fünf Hindernisse im gegenwärtigen Geist
wirklich beobachten. Von einem bestimmten Punkt der Entwicklung an braucht der
Meditierende nichts Besonderes mehr zu tun. Die Achtsamkeit muß nur fest auf
den gegenwärtigen Moment eingestellt sein, und alle Eintrübungen, die
auftauchen, werden von selbst verlöschen, als sähe man Feuer aufflackern, das
im selben Moment mangels Brennstoff verlöscht. Diese Art der Bewußtheit, die
man Klarblick nennt, führt zur Aufzehrung der Eintrübungen, bis der
Geist völlig davon befreit ist.
Zusammenfassung
Um dies alles zusammenzufassen;
Klarblickmeditation soll man üben, um das Verlangen (tanha), die Ursache des
Leidens, auszulöschen. Das Ziel der Übung ist die völlige und endgültige
Überwindung der Eintrübungen. Dazu braucht man keine besondere Vorgehensweise
und keine speziellen Kenntnisse. Wer das behauptet, erzeugt nur zusätzliche
Verwirrung und unnötiges Zögern und Zweifeln.
Zur Zeit Buddhas wurde sechzehn jungen
Männern, alle Schüler des Brahmanen Bavari, von ihrem Lehrer
aufgetragen, dem Buddha einige Fragen zu stellen. Einer von ihnen, namens
Nanda, stellte folgende Frage: “Man sagt, es gäbe keine Weisen mehr in der
Welt. Wie verhält es sich damit? Zeichnet sich ein Wissender durch seine
Kenntnisse oder durch seine Lebensführung aus?”
Buddhas Antwort lautete: “Die Weisen in dieser
Welt sagen nicht, daß man ein Wissender durch Sehen, Hören oder besondere
Kenntnisse wird. Ich behaupte: Wer sich selbst aus dem Sumpf der Eintrübungen (kilesa)
befreit und keine neuen Eintrübungen mehr entstehen läßt, wer keine Sorgen und
keine Begierden mehr hat, der ist ein Wissender, der ist ein Weiser.”
Nanda fragte weiter: “Es gibt Asketen und
Priester, die sprechen von Reinheit durch Sehen, durch Hören, durch eine
strenge Lebensführung, durch Rituale und eine Vielzahl anderer Methoden. Hat
irgendeiner der Asketen und Priester, die solche Reinheitspraktiken pflegen,
jemals Geburt und Alter überwunden?”
Buddha erklärte: “Diese Asketen und Priester,
auch wenn sie ihre Reinigungspraktiken strikt befolgen, sage ich, können Geburt
und Alter nicht überwinden.”
Nanda fragte erneut: “Wenn diese Priester und
Asketen nicht frei sind von Geburt und Alter, wer in der Welt der Götter und
Menschen ist denn frei von Geburt und Alter?”
Buddha sagte: “Ich behaupte nicht, daß alle
diese Priester und Asketen Geburt und Alter unterliegen. Aber ich sage, daß ein
jeder Asket oder Priester, der in dieser Welt die Objekte des Sehens, Hörens
und Wissens zurückweist; der alle vorgeschriebene Lebensführung, alle Rituale
und die vielerlei Methoden verwirft; der das Verlangen (tanha) als ein
Ärgernis betrachtet und sich völlig frei davon macht, der wird ein Mensch, dem
die weltlichen Neigungen des Geistes nicht mehr begegnen. Ein solcher Asket
oder Priester, sage ich, ist jenseits von Geburt und Alter.”
Daran sehen wir, daß Buddha, der höchste
Lehrer, die Überwindung von Eintrübung und Verlangen als unsere dringlichste
Aufgabe betonte, die keinen Aufschub duldet und als erste unsere Aufmerksamkeit
verlangt. Daher müssen wir weiter üben, bis wir das Ziel erreichen.
TEIL II
DIE ERGEBNISSE DER ÜBUNG
Die Sieben Reinheitsstufen und Sechzehn
Klarblickschritte
Dieses Handbuch wurde unter besonderer
Berücksichtigung der Schwierigkeiten von Anfängern in der Meditation geschrieben.
Es mag aber sein, daß einige bei gewissenhafter Übung im Laufe der Zeit gute
Fortschritte machen und dann Nutzen daraus ziehen können, wenn sie eine
Richtschnur haben, um ihre Entwicklung gemäß der Lehre einzuschätzen. Daher
sollen im folgenden die einzelnen Schritte dargestellt und erklärt werden, aus
denen der Stufenweg des Fortschritts in der Klarblickmeditation besteht: Die sieben
Reinheitsstufen und die sechzehn Schritte des Klarblickwissens.
1.Analytisches Wissen von Geist und Körper (nama-rupa-pariccheda-nana)
Die Erkenntnis wird rein, und der Übende kann
in der meditativen Betrachtung mit Leichtigkeit die geistigen (nama) und
die körperlich-materiellen (rupa) Aspekte der gegenwärtigen Erlebnisse
unterscheiden.
IV. Reinheit
der Überwindung von Zweifel (kankha-vitarana-visuddhi)
2. Wissen, das die Bedingtheit durchdringt (paccaya-pariggaha-nana)
V. Reinheit
der Klaren Schau, was Pfad und was nicht Pfad ist (maggamagga-nana-dassana-visuddhi)
3. Wissen des Begreifens (sammasana-nana)
VI. Reinheit der Klaren Schau des
Übungsverlaufs
4. Wissen vom Entstehen und Vergehen (uddayabbaya-nana)
5. Wissen der Auflösung (bhanga-nana)
6. Wissen der Furcht (bhaya-nana)
7. Wissen des Elends (adinava-nana)
8. Wissen des Überdrußes (nibbida-nana)
9. Wissen des Verlangens nach Befreiung (muncitu-kamyata-nana)
10. Wissen der Großen Bemühung (patisankha-nana)
11. Wissen des Gleichmuts vor Gebilden
(geistigen und körperlich-materiellen Ereignissen) (sankharupekkha-nana)
"Klarblick, der zum Entrinnen führt"
(vutthan-gamini-vipassana)
· VII. Reinheit der Klaren Schau (nana-dassana-visuddhi)
12. Wissen der Anpassung (anuloma-nana)
(Übereinstimmung mit den vier edlen Wahrheiten)
13. Wissen der Reife (gotrabhu-nana) (Wechsel
der Zugehörigkeit)
14. Pfadwissen (magga-nana)
(Der einzelne Bewußtseinsmoment des ‘Edlen Pfades’)
15. Fruchtwissen (phala-nana)
16. Wissen des Rückblicks
(paccavekkhana-nana)
F: Die
sieben Reinheitsstufen und die sechzehn Schritte des Klarblicks unterscheiden
sich in mancher Hinsicht, zum Beispiel findet man bei den Klarblickswissen
keinen Hinweis auf Sittlichkeit, wohl aber bei den Reinheitsstufen. Was
bedeutet das?
A: Die
Reinheitsstufen – wie auch der achtfache Pfad – stellen ein umfassendes Schema
dar, in dem alle drei Bereiche der geistigen Schulung inbegriffen sind:
Sittlichkeit, Konzentration und Weisheit (sila, samadhi, panna).
Besonders die sieben Reinheitsstufen beschreiben den Ablauf der geistigen
Entwicklung in aufeinander aufbauenden Stufen. Zunächst muß ‘Reinheit des
Betragens’ erfüllt sein. Das ist die Schulung in Sittlichkeit. Mit dieser
Voraussetzung kann man ‘Reinheit des Geistes’ durch Meditation anstreben.
Das ist die Schulung in Konzentration.
Wenn ‘Reinheit des Geistes’ erreicht
ist, taucht bei fortgesetzter Übung schrittweise die für Klarblickmeditation
charakterische Erkenntnis der Wirklichkleit auf, die mit der Entwicklung von
Weisheit zusammenhängt, angefangen von ‘Reinheit der Ansicht’ bis hin
zur ‘Reinheit der Klaren Schau.’ Das sind insgesamt fünf
Reinheitsstufen, die beschreiben, wie sich wirklichkeitsgemäße Erkenntnis,
genannt: ‘Weisheit’, entwickelt.
Diese fünf Reinheitsstufen können nur durch die Übung des Klarblicks erreicht
werden.
Was die sechzehn Klarblickwissen betrifft: Da
geht es um die Ausarbeitung von rechter Ansicht (samma-ditthi), von
korrekter Wahrnehmung in Einklang mit der 'Soheit' der Dinge (tathata).
Diese Wissensschritte tauchen in der Entwicklung der fünf
Reinheitsstufen auf, die mit Weisheit zu tun haben. Unabhängig, jedoch, von
diesen Klassifizierungen und Zuordnungen, werden bei der vollentwickelten Übung
des ‘Mittleren Weges’ die drei Bereiche der Schulung – Sittlichkeit, Konzentration
und Weisheit – immer gemeinsam eingesetzt und geübt.
DER VORBEREITENDE PFAD
Die schwachen Klarblickschritte
F: Wenn
man dieses Buch als Leitfaden für die Praxis benutzt, wie soll man dann
erkennen, ob das erste Klarblickwissen schon aufgetaucht ist oder noch nicht?
A: Es ist
nicht leicht, über das Thema Klarblick etwas zu sagen, da man es selbst
erleben muß, um darüber etwas zu wissen. Das ist das Merkmal ‘paccatam’ –
individuell – das Buddha
mit Bezug auf seine Lehre immer hervorhob: Die Meditierenden sehen die
Wirklichkeit jeder für sich selbst. Denn das ist der Ort, wo wir in
Wirklichkeit ja sind, nicht außerhalb unserer selbst.
Wer schon buddhistische Schriften eingehend
studiert hat, die sich mit wirklichkeitsgemäßer Erkenntnis der fünf Bündel des
Anhaftens oder Theorie und Praxis der Klarblickmeditation befassen, mag
vielleicht in der Lage sein, anhand der eigenen Meditationserfahrung das
Einsetzen von Klarblickerlebnissen festzustellen, die mit den Schritten des
Klarblickwissens zusammenhängen.
Wer das aber nicht mit Zuverläßigkeit kann,
muß sich auf einen spirituellen Freund (kalyanamitta) oder
Klarblicklehrer verlassen, der prüfen kann, ob der Übende das erste Wissen
erreicht hat. Die folgenden Ausführungen sollen die Klarblickerlebnisse der
einzelnen Wissensschritte für den persönlichen Vergleich ausreichend
skizzieren.
I.) Analytisches Wissen von Körper und Geist
Am Anfang der Übung ist der Geist noch nicht
ruhig, weil man gestört wird durch Reflektionen und Aufregung, durch den
inneren Monolog. Aber wenn das Noten des ‘Heben/Senken’ der Bauchdecke
mehr Kontinuität gewinnt, dann werden die hebende Körperlichkeit und die
senkende Körperlichkeit allmählich klar unterscheidbar. Der Geist, der
die hebende und senkende Körperlichkeit benennt, wird erkennen, daß er die
Funktion hat, das Heben und Senken zu wissen. Manchmal sieht man auch, daß die
hebende und senkende Materie zwei verschiedene materielle Dinge sind, mit ihren
eigenen Merkmalen, an denen man sie erkennen kann: das Heben hat ein Merkmal,
das Senken ein anderes.
Später, wenn der Übende stärkere Konzentration
entwickelt und sein Geist ruhig wird, dann notet er das Heben/Senken
ununterbrochen. Dann wird er verstehen, daß die hebende Körperlichkeit und das,
was sie notet, zwei verschieden Dinge sind, und die senkende Körperlichkeit und
das was sie notet, sind auch zwei verschiedenen Dinge. Die hebende und die
senkende Körperlichkeit sind Materie (rupa) und das, was sie jeweils
notet, ist Geist (nama).
Wenn der Meditierende, während er die Bewegung
der Bauchdecke in der unmittelbaren Gegenwart notet, dies versteht und sieht,
wie es wirklich ist, dann hat er den ersten Schritt des Klarblicks erreicht,
das ‘Analytische Wissen von Geist und Körper’ (namarupa-pariccheda-nana).
Im täglichen Meditationsbericht wird der
Klarblicklehrer fragen, ob das Heben und Senken der Bauchdecke dasselbe sind
oder ob es zwei verschiedene Dinge sind. Wenn der Übende sagt, daß sie dasselbe
sind, hat er das erste Wissen noch nicht erreicht.
Vielleicht redet der Übende aber auch von sich
aus über seine Erfahrung, oder wenn der Lehrer ihn danach fragt, stellt er
aufgrund eigener Beobachtung fest: Das Heben ist Materie und ‘Was das Heben notet’ ist Geist, und die beiden sind verschieden. Oder wenn das
Heben entsteht, dann rennt der Geist darauf zu. Oder das Heben
und Senken sind zwei ganz verschiedene Dinge. Solche und ähnliche
Aussprüche zeigen, daß der Übende den ersten Schritt des Klarblickwissens
erreicht hat.
Dieses Wissen erlebt die gegenwärtige
Geist-Körper-Verbindung (nama-rupa) klarbewußt, und es hilft bei der
Überwindung der ‘falschen Ansicht, die die fünf Bündel des Anhaftens als
Selbst wahrnimmt’ (sakkaya-ditthi), dem Glauben an ein Selbst, an
dauerhafte Wesen.
2.) Wissen, das die Bedingtheit durchdringt
Dieses Wissen ist klarbewußt über die Ursachen
der gegenwärtig erlebten Geist-Körperlichkeit. Wenn etwas entsteht, durch
welche Ursache entsteht es? Der Meditierende, der schon das erste
Klarblickwissen entwickelt hat, wird erkennen, daß in dem Moment, wo er das
gegenwärtige Objekt notet, nur Geist und Körper da sind. Außerdem
ist da nichts. Manchmal entsteht das Heben – welches Materie ist –
zuerst, und der Geist (citta) folgt hinterher und notet. Oder zuerst
entsteht ein Ton, und der Geist folgt hinterher und notet: ‘hören, hören.’
Oder Hitze berührt den Körper, und es folgt die Benennung: ‘warm, warm.’
Wenn man auf diese Weise eine lange Zeit übt versteht man: “Materie entsteht
zuerst, Materie ist die Ursache. Da der Geist hinterher folgt und notet, ist
Geist die Wirkung.”
Manchmal ist die kausale Bedingtheit aber
umgekehrt: Der Meditierende möchte aufstehen, und nachdem der diese Absicht
genotet hat, erscheint die stehende Körperlichkeit. Wenn der Geist gehen
möchte, taucht danach die gehende Körperlichkeit auf. Wenn der Geist sich
setzen möchte, taucht nachher die Sitzhaltung auf. Wenn der Geist sich setzen
möchte, taucht nachher die Sitzhaltung auf. Wenn der Geist sich hinlegen
möchte, erscheint anschließend der liegende Körper. Der Geist möchte beugen, ausstrecken,
ergreifen, aufheben, festhalten, loslassen, drehen, wenden oder berühren, und
danach erscheint die Körperlichkeit, die beugt, ausstreckt, ergreift, aufhebt,
festhält, losläßt, dreht, wendet oder berührt. In diesen Fällen wird es
erkennbar, daß Geist zuerst erscheint und die Ursache ist, während die
nachfolgenden materiellen Erscheinungen Wirkungen sind.
Wenn der Meditierende auf diese Weise rechte
Ansicht erwirbt durch die Betrachtung der Bedingungen für die gegenwärtige
Geist-Körperlichkeit (nama-rupa), dann hat er das zweite Klarblickwissen
erreicht: ‘Wissen, das die Bedingtheit durchdringt’ (paccaya-pariggaha-nana).
Dieses Wissen versteht, daß es keinen Schöpfer gibt, der die Dinge so gemacht
hat, wie sie sind. Man versteht, daß das bewußte Erleben auftaucht durch Geist
als Ursache und Materie als Ergebnis, oder Materie als Ursache und Geist als
Ergebnis. Es gibt kein Wesen, keine Person, kein Selbst, kein ‘ich’ oder ‘du’, kein
‘wir’ oder ‘sie’. Alles, was
es in Wirklichkeit gibt, sind geistige und körperliche Ereignisse, die sich
wechselseitig bedingen und gemeinsam entstehen und vergehen. Dieses Wissen legt
die ewigen Menschheitsfragen ab, die der unwissende Geist dem Glauben und dem
spekulativen Denken überläßt: “Was ist das Leben? Wo kommt es her? Wo geht
es hin? Wer sind wir? Und wozu sind wir hier?”
Wenn man die Gegenwart versteht, weil man
Geist und Körper unmittelbar beobachtet und deutlich sieht, wie sie sich
gegenseitig bedingen, dann ist man auch in der Lage, zu prüfen und zu
verstehen, daß die eigene Erfahrung auch in der Vergangenheit nur durch
Bedingungen entstanden ist, und daß auch in Zukunft geistige und körperliche
Phänomene entstehen werden, wenn die Bedingungen dafür da sind. Dieses
Wissen ist die vollständige Überwindung von skeptischen,
grüblerischen Zweifeln (vicikiccha).
3.)
Wissen des Begreifens
Wenn
in der Meditation Achtsamkeit und Konzentration stark werden, wird die Bewegung
der Bauchdecke deutlicher wahrgenommen. Die Richtlinien zur Prüfung des
Fortschritts in der Betrachtung sind folgende:
Mit
diesem Klarblickwissen tauchen ungewöhnliche Erlebnisse durch die Intensität
des Interesses am Objekt (piti) auf. Zum Beispiel können sich während
der Betrachtung die Haare an den Armen oder auf dem
Körper aufrichten, begleitet von einem Prickeln. Geistige Bilder
und visuelle Vorstellungen tauchen auf. Der Körper zuckt plötzlich oder er lehnt sich allmählich nach hinten. Es juckt hier und
da, fühlt sich an, als ob Ameisen oder andere
Kleintiere über die Haut krabbeln und sie zwicken, oder Moskitos sich darauf niederlassen
und stechen.
Man
muß diese Phänomene immer noten, jedesmal, wenn man sie erlebt. Geistige Bilder
und Visualisationen verschwinden entweder sofort wenn sie genotet werden, oder allmählich, nach und nach.
Manchmal,
wenn man im Sitzen notet, hat man starke Schmerzen in den Knien, den Beinen,
dem Rücken, der Leiste, der Hüfte, oder in anderen
Körperteilen. Diese quälenden, schmerzhaften Empfindungen offenbaren die drei
allgemeinen Merkmale aller Elemente des Erlebens (sankhara), damit die
Weisheit darauf aufmerksam werden kann. Sie verdeutlichen für uns die Wahrheit,
daß dieser Geist und dieser Körper vergänglich, leidhaft und kein Selbst sind (anicca, dukkha, anatta). Niemand kann bestimmen
oder beinflussen, wie sie sind.
Aufgrund
der Vergänglichkeit (aniccata), die man in der
Meditation zu spüren bekommt, entsteht schmerzhaftes Körpergefühl. Wenn es
aufgetaucht ist empfindet man es als
Manchmal
wenn der Meditierende starke Konzentration (samadhi) und Begeisterung (piti)
entwickelt, dann entstehen viele ungewöhnliche Objekte und Phänomene, oder der Geist wird durch die Erlebnisse angeregt, über die
Wirklichkeit, über buddhistische Erkenntnis, kurz: über Dhamma,
nachzudenken. Vielleicht sieht man ein Licht oder
Helligkeit, einen diffusen Schimmer, und empfindet ungewöhnliches Wohlgefühl.
Solche Erlebnisse können zu dem Mißverständnis verleiten, man habe schon den ‘edlen
Pfad’ oder Nibbana erreicht.
Wenn
man an diesen Phänomenen anhaftet und sie genießt, das
nennt man "Verderben des Klarblicks" (vipassanupakkilesa),
oder "den falschen Weg gehen," weil man weiterhin an den
Objekten von Geist und Körper anhaftet. Der richtige Weg ist
der ‘Mittlere Weg’, also die Grundlagen der Achtsamkeit, die der einzige
Weg zur Erkenntnis von Nibbana sind. Wenn man von diesen Phänomenen, die
durch Konzentration und Begeisterung entstehen, in die Irre geführt wird,
verliert man den Weg durch Anhaften an geistigen
und körperlichen Objekten.
Von
den sieben Reinheitsstufen ist die fünfte die Reinheit
der Erkenntnis, was der rechte Weg geistiger Entwicklung ist, und was nicht der
rechte Weg ist (maggamagganana-dassana-visuddhi). Der Lehrer wird dem
Schüler raten, sofort alles zu noten, was er erlebt, ohne an irgendetwas
anzuhaften. Wenn der Meditierende verblendet ist und
diesen Rat in den Wind schlägt, wird er sich verirren und unter Umständen seine
geistige Gesundheit aufs Spiel setzen. Aber wenn er rechtes Verständnis hat,
wird die Übung weitere Fortschritte machen. Wenn der Übende Energie entwickelt
im Noten dieser geistigen Objekte, dann werden die verschiedenen Bilder und
visuellen Eindrücke allmählich verschwinden. Dann hat der Meditierende den
dritten Schritt des Klarblicks erreicht, das ‘Wissen des Begreifens’
(sammasana-nana) – Wissen, das die drei Merkmale klarbewußt erlebt.
F: Ist die Übung bis hierhin fortgeschritten, welche
zusätzlichen Hauptobjekte muß man dann beachten?
A:
Nach der Richtlinie für die allgemeine Übung sollen die Objekte wie folgt
beachtet werden:
F:
Welchen Sinn hat es, Absichten zu noten? Wann soll man darauf
achten?
A: ‘Absicht’ zu noten ist eine
Übung für Wachsamkeit. Es bedeutet, daß man beim Denken, Reden und Handeln
unablässig achtsam sein muß, um die Bewegungen des Geistes und des Körpers zu
beaufsichtigen: “ Was tust du in diesem
Moment gerade?” Diese Übung sollte begonnen werden, wenn
der Meditierende etwa sieben Tage geübt hat.
4.)
Wissen vom Entstehen und Vergehen
Dieses
‘Wissen vom Entstehen und Vergehen’ (udayabbayanana) teilt sich auf in
zwei Phasen, eine schwache, das ‘schwache (taruna) Wissen vom Entstehen und
Vergehen,’ und eine starke, das ‘starke (balava) Wissen vom Entstehen
und Vergehen.’ Wenn der Übende das schwache
Klarblickwissen erreicht hat, treten die ‘zehn Verzerrungen des Klarblicks’ deutlich
in Erscheinung und können sehr stark werden.
Die
Verzerrungen des Klarblicks
Vier
Arten der Selbstvergessenheit
Einige
der Verzerrungen des Klarblicks können so stark werden, daß sie die Achtsamkeit
überwältigen, sodaß man sich verliert. Es gibt vier Ursachen, wenn man in der
Meditation die klare Bewußtheit verliert und sich selbst vergißt, drei davon sind Verzerrungen des Klarblicks.
Wenn
man die Erfahrung gemacht hat, sich in der Meditation zu verlieren, sodaß man
nicht mehr weiß, wo man war oder was man erlebt hat,
dann sollte man versuchen herauszufinden, woran das gelegen hat. Es kann zum
Beispiel so vor sich gehen, daß man ‘heben/ senken’ eine lange Zeit notet, aber dann den Faden verliert und
schlaftrunken da sitzt, weil Energie und Konzentration nicht ausgeglichen sind.
Energie ist schwach, und Konzentration ist zu stark,
bis man schließlich alles vergißt. Das zeigt, wie das Hindernis Trägheit (tinha-middha)
die Achtsamkeit verdrängt.
Was
fast alle Meditierenden kennenlernen, ist
Selbstvergessen durch Begeisterung (piti). Man notet ‘heben ’ und ‘ senken’
eine zeitlang kontinuierlich, und dann hat man einen plötzlichen Aussetzer,
verliert sich momentan und zuckt zusammen. Diese
Unterbrechung der Bewußtseinskontinuität (santati) wird verursacht
von Begeisterung.
Es
kann auch sein, daß man sich sehr ruhig fühlt, kühle und reine Empfindungen den
Körper durchziehen, als säße man auf einem Eisblock.
Diese angenehme Kühle macht unaufmerksam, bis man sich
selbst vergißt. Dann kommt man wieder zurück, notet weiter,
aber verliert sich wieder. Das zeigt Vergessenheit aufgrund
von Ruhe.
Die
letzte Art der Selbstvergessenheit geht auch von einem Gefühl der
Gleichgültigkeit aus: Man ist nicht wirklich
aufmerksam und ruhig, sondern läßt sich in das Gefühl sinken und wird geistig
immer stumpfer, bis man fast ohnmächtig ist. Dann verliert
man sich. Diese Art, die Bewußtheit zu verlieren, ist
von Gleichmut (upekkha) verursacht.
Diese
vier Arten der Selbstvergessenheit sind gar nicht gut.
Sie sind ein falscher, ein künstlicher Weg. Wenn der
Meditierende solche Erlebnisse hat und stolz darauf ist,
oder sie mit Befriedigung annimmt, wird er sich daran gewöhnen, solche Zustände
immer wieder zu erleben. Er kann dann keine weiteren Fortschritte machen, und
die wirkliche Überwindung des illusorischen Ego durch den edlen Pfad bleibt ihm
versperrt. Zumindest ist dies die Schuld des Lehrers.
Der Lehrer ist nämlich verpflichtet, den Meditierenden
genau aufzuklären, was er da erlebt, und was er tun muß, um das geistige
Gleichgewicht herbeizuführen.
Wenn
der Lehrer ihm die Anweisung gibt, nicht an diesen
Objekten anzuhaften, sie nicht festzuhalten, dann muß der Übende die
Achtsamkeit auf die Gegenwart richten, sodaß er das Entstehen und Vergehen
dieser Phänomene wahrnimmt. Solange man sich in der schwachen Phase des ‘Wissens
vom Entstehen und Vergehen’ befindet, werden die Bilder, Körperempfindungen
und Geisteszustände, die aus der Entfaltung meditativer Geisteskräfte
resultieren, nur langsam verschwinden, wenn man sie notet; sie verblassen
allmählich oder werden nach und nach weniger. Aber wenn der Klarblick das ‘starke
Wissen vom Entstehen und Vergehen’ erreicht hat, und notet irgendein
Phänomen, dann verschwindet es sofort, manchmal zerfallen die Erlebnisse
förmlich aufgrund der Anwendung von Achtsamkeit, oder sie lösen sich in nichts
auf. Dann wird das Entstehen und Vergehen sehr deutlich und
umfassend erkannt. Es ist echter, reiner
Klarblick, der in den folgenden Schritten des Klarblickwissens weiter vertieft
und verfeinert wird.
DER
KLARBLICK-PFAD
Die
starken Klarblickschritte
Die
Entwicklung in den ersten drei Klarblickwissen und dem schwachen ‘Wissen vom
Entstehen und Vergehen’ wird der ‘vorbereitende Pfad’ genannt, weil
die Objekte der Meditation noch nicht gründlich erforscht und verstanden worden
sind. Wenn man anfängt, Achtsamkeit zu üben, erkennt man nur, daß der Geist
undiszipliniert, chaotisch und auf die Wirklichkeit nicht vorbereitet ist. Es gibt viele Unterbrechungen der
Achtsamkeit, man träumt oft und merkt es erst später. Die Objekte, die
man betrachten soll, erscheinen zumeist unklar, formlos, ungreifbar. Deshalb
beginnt der Geist, gewohnte Vorstellungen auf die
Objekte zu projizieren und konzentriert sich mehr darauf als auf die
eigentlichen Empfindungen.
Wenn
die Konzentration besser wird, kann man das gegenwärtige Objekt manchmal
unbefangen so sehen wie es ist; man beachtet nur die erlebten Merkmale des Hebens
und Senkens der Bauchdecke, oder der Bewegung der Füße, ohne eine
Vorstellung der anatomischen Form dieser Objekte zu visualisieren. Dann taucht das erste Klarblickwissen auf. Es kann die realen
materiellen Phänomene, die man erlebt, anhand ihrer spezifischen Merkmale
unterscheiden und stellt auch fest, daß Geisteszustände mit eigenen Merkmalen
die Abfolge der körperlichen Objekte begleiten. Der Meditierende kann in der
Betrachtung aber noch nicht erkennen, wie die Erlebnisse zustandekommen.
Das zweite Wissen eröffnet dem Übenden den Einblick in die bedingte
Entstehung von Geist und Körper. Die Achtsamkeit kann jetzt
länger die wechselnden Objekte anhand ihrer besonderen Merkmale erkennen. Die
drei allgemeinen Merkmale aller bedingten Phänomene werden jedoch noch nicht
sehr klar erfaßt, weil man vorwiegend damit
beschäftigt ist, die unterschiedlichen Elemente des Erlebens in der Gegenwart
korrekt zu identifizieren.
Erst wenn das dritte Wissen sich bemerkbar macht, gewinnt man ein
Verständnis für die allgemeinen Merkmale von Geist und Körper.
Jedesmal, wenn die Achtsamkeit das gegenwärtige Objekt an
seiner Eigenart erkennt, stellt man fest, daß es vergänglich ist, daß es
auftaucht, eine Reaktion im Geist auslöst und dann sogleich verschwindet, bevor
irgendetwas daraus werden kann. Das ist nichts, was
man sich wünschen würde, es ist unbefriedigend. Aber die Elemente von Geist und
Körper folgen ihrer Natur und entstehen in Abhängigkeit von Bedingungen, die
nicht zu kontrollieren sind. Sie haben keine echte
Substanz, sind flüchtige Erscheinungen, die dem
Übenden die Vorstellung von Leere nahebringen. Das ist
das Merkmal ‘kein Selbst.’
Die
drei Merkmale werden also erst im Laufe der Übung als
reale Aspekte des Erlebens entdeckt, wenn man das gegenwärtige Objekt mit mehr
Kontinuität noten kann. Das Verständnis bleibt aber zunächst auf die
materiellen Objekte beschränkt. Geisteszustände, Emotionen und besonders die
meditativen Geisteskräfte, die in der Übung entstehen, werden noch nicht so
distanziert betrachtet, daß man sie als unpersönliche
Erzeugnisse der Natur sehen kann. Man identifiziert sich mit ihnen, haftet an
ihnen in dem Glauben, sie seien die eigene Persönlichkeit und man brauche sie
deshalb nicht zu noten.
Erst
wenn in der Übung die Verzerrungen des Klarblicks durch achtsames Noten
abgelegt werden, können auch diese subtilen Geisteszustände ganz unpersönlich
betrachtet werden wie alles andere: als bedingte
Phänomene, die nur die allgemeinen Merkmale erkennen lassen.
Beginnend
mit dem starken ‘Wissen vom Entstehen und Vergehen,’ werden die
allgemeinen Merkmale der bedingten Phänomene kontinuierlich zum Objekt der
Konzentration. Jedesmal, wenn man etwas notet, macht der Geist den Versuch,
dieses Phänomen vollständig zu verstehen, und die Konzentration entwickelt sich
durch vier Stufen:
Vorbereitung (parikamma).
Achtsamkeit identifiziert die spezifischen Merkmale (sabhava lakkhana)
des Objekts und benennt es.
Zugang (upacara). Anhand der spezifischen Merkmale beobachtet Achtsamkeit die
absolute Wirklichkeit des gegenwärtigen Objekts und wird dadurch der drei
allgemeinen Merkmale (samanna lakkhana) gewahr; Vergänglichkeit,
Leidhaftigkeit und Substanzlosigkeit.
Aufstieg (anuloma).
Die Wahrnehmung der drei Merkmale wird zum Sprungbrett, um eine lebhafte
Intuition der vier edlen Wahrheiten zu erreichen. Um diese
Funktion zu erfüllen, wird aber volle Konzentration gebraucht.
Abstieg (patiloma).
Solange die Konzentration des Meditierenden noch keine Vertiefungsstärke
erreicht hat, bleibt es bei dem Versuch der Durchdringung der Wahrheiten, und
der Geist fällt zurück auf das unbewußte Kontinuum.
Nachdem
die Verzerrungen des Klarblicks überwunden sind,
kommen die geistigen Kräfte (indriya) ins Gleichgewicht. Der weitere
Fortschritt durch die starken Klarblickwissen beruht ausschließlich auf der
kontinuierlichen Arbeit an der Vervollkommnung der
Erkenntnis, die mit dem vierten Wissen einsetzt. Während der ‘vorbereitende
Pfad’ noch Schwankungen im Verständnis der Objekte zeigt, und der
Meditierende manchmal unsicher wird, was das Ziel der Meditation betrifft, so
geht es auf dem ‘Pfad des Klarblicks’ darum, durch die unabläßige
Bewahrung des gegenwärtigen Objekts die latenten Neigungen des Geistes und die
damit verbundenen konditionierten Verhaltensmuster zu schwächen, bis sie
endgültig ihre Macht verlieren und den Weg freigeben für die Verwirklichung von
Nibbana. Wenn die Konzentration volle Stärke erreicht, entwickelt sie
sich im Moment des Notens nach Vorbereitung, Zugang und Aufstieg
weiter zur Vertiefung mit den Phasen Reifung, Pfad und Frucht (gotrabhu,
magga, phala).
5.)
Wissen der Auflösung
Wenn
der Meditierende das Gleichgewicht der Geisteskräfte gefunden hat, kann
Achtsamkeit das gegenwärtige Objekt mit größerer Genauigkeit erfassen und nimmt
das ‘Entstehen und Vergehen’ von
Geist und Körper wahr, wie es wirklich ist. Die drei Merkmale zeigen sich in allen Phänomenen. Die Meditation schreitet ungehindert fort,
ohne daß der Übende irgendeiner Schwierigkeit begegnet.
Danach beschleunigt sich das noten auf einmal.
Sogar das Heben und Senken der Bauchdecke entsteht und vergeht schneller als zuvor. Später realisiert man nur noch das Verschwinden
aller Objekte, und die Geschwindigkeit mit der die einzelnen Eindrücke sich
auflösen. Manchmal muß man ‘wissen, wissen’ noten, um
sich nicht zu verheddern. Manche Leute finden, daß die Objekte nicht
mehr klar sind, oder daß sie in dem Moment
verschwinden, wo sie erlebt werden: die Objekte verschwinden zusammen mit dem
notenden Geist. Während der Gehmeditation nimmt diese Erfahrung die Form jäher,
ruckartiger Erkenntnis an: Kaum hat man genotet, da verschwinden Geist und
Körper, als wären sie von jemandem weggenommen worden.
Im Sitzen fühlt man sich bisweilen leer; man weiß nicht recht, was man
überhaupt noten soll. Man fühlt sich entmutigt, weil
die Objekte nicht mehr so klar sind wie früher. Kaum hat man etwas genotet, da
löst es sich in nichts auf. Es kommt einem schwierig vor, diese undeutlichen
Eindrücke zu noten, die mit halsbrecherischem Tempo im Nichts verschwinden, oder man kann sie nicht mit der gewohnten Sicherheit noten,
weil das, was man notet, nur noch anhand des Verschwindens bemerkt wird. Dann
hat der Übende das ‘Wissen
der Auflösung’ (bhanga-nana) erreicht.
6.)
Wissen der Furcht
Wenn
man den sechsten Klarblickschritt, ‘Wissen der Furcht’ (bhaya-nana)
erreicht hat, hängen die Objekte und die notenden Geisteszustände noch enger
zusammen und verlöschen immer gemeinsam. Weil die Objekte und auch der Geist
immer wieder verschwinden, bekommt man Angst. Diese Furcht ist
anders als die Furcht vor gewalttätigen Menschen, wilden Tieren oder
schrecklichen Waffen. Man fürchtet sich und kann nicht sagen, wovor man
sich eigentlich fürchtet. Manche Leute noten die Geist-Körper-Verbindung und
sehen sie jedesmal verschwinden, und die Angst wird von Mal zu Mal stärker. Bei
anderen wird die Konzentration sehr stark; plötzlich ist
der Körper weg und sie haben Angst. Die Eigenart dieses Klarblickwissens
entsteht aus der Wahrnehmung der Auflösung, die mit dem fünften Wissen
einsetzt.
7.)
Wissen des Elends
Wenn
dieses Wissen auftaucht, hat der Übende den Eindruck, daß alles, was er notet,
elend, erbärmlich und ungenügend ist. Auch das Heben
und Senken der Bauchdecke werden als völlig unzureichend
und elend gesehen, als eine bedrückende Last, als krank oder zwanghaft. Man hat
das Gefühl, es wäre besser, es gäbe nichts mehr zu noten. Die Objekte der sechs
Sinne und alles Gestaltete kommen einem miserabel und wertlos vor. Dies ist das ‘Wissen des Elends’ (adinava-nana).
8.)
Wissen des Überdrußes
Manche
Übende sagen, sie könnten gut noten, aber sie fühlen sich verzweifelt,
erschöpft, als wären sie lustlos bei der Sache. Obwohl sie weiter meditieren, fühlen sie sich gar nicht wohl.
Manche betrachten alles, was sie sehen, als abstoßend,
bei anderen entsteht beim Meditieren ein Gefühl von Trostlosigkeit. Aber sie
haben nicht einmal den Wunsch, mit jemanden zu sprechen. Sie
bleiben nur in ihrem Zimmer. Einige reflektieren über die verschiedenen
Ebenen der Wiedergeburt und finden nirgendwo eine Zuflucht. Selbst eine
Existenz als Deva oder als Brahma finden sie
schrecklich langweilig und unattraktiv. Der Überdruß in der Betrachtung von
Geist-und-Körper entwickelt sich ganz allmählich beginnend mit dem vierten
Wissen, bis man dieses achte Wissen erreicht: ‘Wissen, das Geist und Körper
mit Überdruß betrachtet’ (nibbida-nana).
9.)
Wissen des Verlangens nach Befreiung
Wenn
der Meditierende die Übung fortsetzt, wird er Moskitostiche und Ameisenbisse
spüren, oder kleine Insekten scheinen auf dem Körper
zu krabbeln. Man empfindet wieder häufiger Juckreiz an
vielen Stellen. Manche können nicht mehr ruhig sitzen.
Sie werden ganz unruhig. Zuerst wollen sie sitzen,
aber dann finden sie das Sitzen unerträglich und stehen wieder auf, als wollten sie weggehen. Sie finden keine
Ruhe. Einige denken, daß es in der ganzen Welt keinen
guten Ort gibt und nirgends etwas Gutes zu finden sei. Der Geist hat nur
einen Wunsch: Still werden, zur Ruhe kommen, um das Verlöschen (nibbana)
zu erreichen.
Manche Leute haben genug von allem und möchten nicht mehr noten. Sie packen ihre Sachen zusammen und wollen aufhören. Die
bedingten Phänomene zerfallen andauernd zu nichts, jedesmal, wenn man die
Achtsamkeit auf sie richtet. Also findet man nichts Erfreuliches mehr, nichts,
was man genießen oder was einen zufrieden stellen
könnte, und nichts, was sich lohnen würde, daran zu haften. Der Meditierende
möchte sich befreien von den Gestaltungen von Körper und Geist, er möchte ihnen
entkommen. Wissen mit diesen Anzeichen heißt ‘Wissen des Verlangens nach
Befreiung’ (muncitu-kamyata-nana).
10.)
Wissen der großen Bemühung
Der
Meditierende stellt fest, daß die Objekte, die er notet, immer verschwinden.
Sie lösen sich so rasch auf, daß er nichts Dauerndes, Zuverläßiges oder Haltbares finden kann. Er findet nur Phänomene, die mit
den drei Merkmalen ausgestattet sind: vergänglich,
bedrückend und wesenlos. Diese drei Merkmale treten immer deutlicher zutage und
beeindrucken die Achtsamkeit viel mehr als alle
spezifischen Merkmale der individuellen Erlebnisse. In der Sitzmeditation
fühlen manche, daß die Hände oder Füße ungewöhnlich
schwer sind und gleichzeitig vibrieren, als wären sie elektrisch geladen.
Manche Leute haben juckende Empfindungen.
Später dann sind die Hände, die Füße oder der Körper
verspannt und schwer. Einige hören klagende Geräusche im Ohr, als würde der Wind durch eine Öffnung heulen. Das Geräusch
stört sie; es ist sehr unangenehm und sie wünschen,
ihm zu entgehen. Heben und Senken sind gut zu noten,
und man sieht sie Moment für Moment auftauchen und verschwinden. Manchmal hat man ein Gefühl der Brustkorbenge. Das kann soweit gehen, daß der Atem behindert wird. Dieses
Wissen bildet den Ausgangspunkt für die höheren Wissensstufen, die mit dem
überweltlichen Pfad verbunden sind. Es ist das ‘Wissen der Großen Bemühung’ (patisankha-nana),
oder der wiederholten Betrachtung, um das Ziel des geistigen Weges zu
erreichen, Nibbana, das Element der Wirklichkeit, das die Flammen des
Leidens löschen kann.
11.)
Wissen des Gleichmuts vor Gebilden
Der
Übende wird sagen, daß er nicht weiß, ob seine Meditation gut läuft oder nicht. Dabei macht er in Wahrheit
täglich Fortschritte. Das ist aber kein Wiederspruch, denn auf der Basis
eines starken neutralen Gefühls (adukkham-asukha-vedana), wie es sich im
elften Wissen entwickelt, trifft der Meditierende keine Werturteile mehr.
Obwohl er nicht sagen würde, daß es schlecht läuft, heißt das nicht, daß er die
Meditation gut findet. Früher hatte er die Meditation immer als
gut oder schlecht bezeichnet – und auch empfunden – aber jetzt weiß er selbst
nicht mehr, ob sie gut oder schlecht ist. Und das ist
ein sicheres Anzeichen, daß er wirklich das elfte Wissen erreicht hat.
In
der Meditation fühlt man sich leichter und wendiger, man notet zügiger und
direkter, intelligenter als vorher. Im Sitzen und im
Liegen kann man die Betrachtung in entspannter Verfassung ausführen, ohne sich
anzustrengen; wie ein guter Fahrer in einem guten Wagen auf guter Straße.
Manche
sagen, sie können erstaunlich lange sitzen, ohne die
geringsten Schmerzgefühle oder andere Belastungen. Egal,
welche Sitzhaltung sie auch einnehmen, sie fühlen sich darin wohl. Das
Noten geht auch problemlos – synchron mit den aufsteigenden Erlebnissen. Sie brauchen den Geist nicht mühsam zu dirigieren, sondern richten
einfach die Achtsamkeit auf das gegenwärtige Objekt, und alles Weitere kann für
sich selbst sorgen.
In dieser Phase der Entwicklung denkt der Geist nicht mehr.
Vielleicht möchte der Meditierende über etwas nachdenken, aber der Geist fängt
nicht damit an, sondern bleibt weiter beim Heben und Senken der
Bauchdecke, und geht nicht mehr von dort weg. Die
auftauchenden Absichten werden mit Gleichmut zur Kenntnis genommen und
verlöschen wie alles andere ohne Wellen zu schlagen, ohne Wirkung zu zeigen.
Dann muß der Übende manches Mal mit Weisheit entscheiden, was er zu tun hat,
und muß die Absicht durch bewußten Willensentschluß gültig machen, dann wird er
alles Nötige zur richtigen Zeit auch tun.
In
früheren Wissensschritten bewegte sich der Geist oft im Körper umher und notete
Berührungsobjekte, die er dort fand; das ist jetzt
vorbei. Der Geist bleibt beim Heben/Senken, er vermißt die Vielfalt
nicht und ist nicht neugierig auf das gegenwärtige
Objekt. ‘Heben’
und ‘senken
’ werden unterdessen allmählich immer feiner, gleichmäßiger, wie
gut gekneteter Teig. Aber egal, wie fein die Bewegung auch wird, man kann sie
immer gut wahrnehmen und noten. Das ist die Praxis des
echten ‘Mittleren Weges.’ Man nennt sie ‘ Wissen
des Gleichmuts vor Gebilden’ (sankharupekkha-nana).
Sechs
Eigenschaften des Gleichmuts vor Gebilden (sankharupekkha)
Tauchen
diese Eigenschaften auf, wenn der Übende in gerader Folge durch die
aufsteigenden Schritte des Klarblicks geübt hat – angefangen vom ‘Analytischen
Wissen von Geist und Körper’ über das starke ‘Wissen vom Enstehen und
Vergehen’ – dann ist es sicher, daß er jetzt das ‘Wissen des Gleichmuts
vor Gebilden’ (sankharupekkha-nana) erreicht hat.
Wenn
das ‘Wissen des Gleichmuts vor
Gebilden’ zum ersten Mal auftaucht, sind diese
Eigenschaften aber noch nicht hervorstechend. Man muß es pflegen und
entwickeln, bis der Gleichmut (upekkha) stark, fest und unerschütterlich
wird. Da die Stärke der individuellen meditativen
Entwicklung hier maßgeblich wird, kann das für manche Leute viel Zeit
beanspruchen und beharrliche Bemühung bedeuten. Wenn das ‘Wissen des
Gleichmuts’ schnell stark wird, dann hat es diese Stärke vom starken
vierten Wissen. Da werden die drei allgemeinen Merkmale – vergänglich,
leidhaft, kein Selbst – zum führenden Objekt der Konzentration. Wurden sie
klar und stark aufgefaßt, dann geht auch der Aufstieg durch die starken
Klarblickwissen rasch und deutlich, und der Gleichmut festigt sich bald,
nachdem er aufgetaucht ist.
Wenn
der Meditierende das vierte Wissen mit weniger Schub – also mit weniger
ausgeprägter Auffassung der drei Merkmale – erreicht hat, treten auch die
starken Klarblickwissen weniger deutlicher auf. Einzelne sind
für den Meditierenden nicht klar auf die Wahrnehmung der drei Merkmale
zurückzuführen. Wenn man dann den ‘Gleichmut vor Gebilden’ erreicht,
wird die Konzentration nur wenige Stunden stark bleiben. Man verliert sie immer
wieder und hat Erlebnisse des neunten und zehnten Wissens. Dann muß man mit
Beharrlichkeit die Konzentration aufbauen, indem man diese Erlebnisse richtig
notet. Dadurch wird man Experte in den höheren Stufen des
Klarblickpfades und im Eintreten in den Gleichmut und entwickelt so die
Stärke der Konzentration, bis man den Gleichmut nicht mehr verliert. Dies kann
man verdeutlichen durch den Vergleich mit der Krähe im Ausguck –
In früherer Zeit nahm der Kapitän eines Schiffs immer eine Krähe im
Käfig mit, wenn er auf See ging. Damals war der Kompaß
nämlich noch nicht erfunden. Auf hoher See, außer Sicht des Landes, mußte man
sich nach Sonne, Mond und Sternen richten.
Wenn
dann ein Sturm aufkam, und der Himmel hing bedeckt mit dräuenden Wolken und
regenverhangen über dem Schiff, das in der windgepeitschten See rollte, dann
gab es keine Navigationshilfen mehr. Das Schiff lief Gefahr, den Kurs zu
verlieren, und die Mannschaft wußte nicht, wie sie den Kurs halten sollte.
Unter solchen Witterungsbedingungen nahm der Kapitän – wollte er herausfinden,
in welcher
Wenn
die Krähe frei war, flog sie zuerst auf den Mast und hockte sich auf den
Mastkorb, um von da Ausschau nach Land zu halten. Wenn sie kein Land sehen
konnte, flog sie vom Ausguck hoch in die Luft, um
weiter sehen zu können. Wenn sie immer noch kein Land sah, ließ sie sich wieder
auf dem Mastkorb nieder, um zu rasten. Später nahm sie ihre ganze Kraft
zusammen, stieg noch höher auf und prüfte die Richtungen erneut. Konnte sie auch jetzt noch
Das
schwache ‘Wissen des Gleichmuts’ ist wie die Krähe im Ausguck. Wenn man
sich in der Übung angestrengt hat, bis das ‘Wissen des Gleichmuts’
auftaucht, aber es ist nicht stark genug, um sich in wenigen Stunden bis zur
Vertiefungskonzentration zu festigen, dann geht das Wissen immer hin und her,
vom ‘Wissen des Verlangens nach Befreiung’ zum ‘Wissen der großen
Bemühung’ und dem schwachen ‘Wissen des Gleichmuts.’ Der Grund liegt
in der schwächeren Kraft der Intuition, mit der die drei Merkmale beim
Noten jedesmal von den spezifischen Merkmalen abgeleitet werden. Diese
Schwäche besteht seit dem vierten Wissen und bildet jetzt die letzte Stufe der
Hindernisse, weil die Konzentration nicht lange genug
anhält, um die nötige Stärke zu bekommen für den edlen Pfad.
Möglicherweise fehlt dem Übenden auch die Fähigkeit zu weiterem Fortschritt, oder er mag gehindert sein durch ein besonderes kamma,
das erst geklärt werden muß.
Im
allgemeinen entstehen die Hindernisse dieser Stufe durch Gedanken und
Stimmungen, Objekte also, die auf dem Gebiet der ‘Betrachtung des Geistes’
(cittanupassana) liegen: unvernünftige Sorgen, Aufregung und
Vorahnungen können den Verlust des Gleichmuts bedeuten. Daher muß der
Meditierende den folgenden Objekten besondere Aufmerksamkeit zuwenden –
Manchmal fühlt man sich sehr
losgelöst und beginnt dann, sich Sorgen zu machen.
Das kommt, weil man nicht daran gewöhnt ist, neutrales
Gefühl so klar und deutlich zu erleben. Jeder Wechsel der
Gefühle muß sofort anerkannt und genotet werden.
Wenn
der Übende die Achtsamkeit gewissenhaft auf alle geistigen Objekte anwendet,
dann schafft er dadurch eine breite Basis für Gleichmut, und er wird dann
verstehen, daß alle Gedanken durch Bedingungen hervorgerufen werden, sie sind nicht wichtig und haben nichts mit ihm zu tun. Dann
wird der Geist aufhören, auf die verschiedenen Gedanken einzugehen, er bleibt
von ihnen unberührt und zieht sich darauf zurück, Aufstieg und Zerfall aller
Objekte in der Gegenwart zu bezeugen, ohne Unterscheidungen zu treffen. In
dieser Weise werden die sechs Eigenschaften des ‘Gleichmuts vor Gebilden’ offenbar.
DER
ÜBERWELTLICHE PFAD
Klarblick
der zum Entrinnen führt
Wenn
das ‘Wissen des Gleichmuts vor Gebilden’ stark und anhaltend wird,
erreicht der Meditierende den Höhepunkt des Klarblickpfades, den ‘Klarblick,
der zum Entrinnen führt’ (vutthana-gamini-vipassana). An
diesem Punkt der Entwicklung wird eines der drei allgemeinen Merkmale – Vergänglichkeit,
Erst jetzt sieht man wirklich, wie man den bedingten Phänomenen
entgehen kann. Man versteht der Wahrheit entsprechend den
Weg, den Buddha gelehrt hat, und nachdem die Unklarheit sich aufgelöst hat,
wird der Geist den als richtig erkannten Weg auch unverzüglich gehen. Dies ist der notwendige Auslöser für den unmittelbar folgenden
Bewußtseinsprozeß des edlen Pfades, der die fünf restlichen Wissensschritte in
sich vereinigt. Der Pfadprozeß wird bezeichnet nach demjenigen der drei
Merkmale, das zu seinem Auftauchen geführt hat –
12.)
Wissen der Anpassung
Das
‘Wissen der Anpassung’ (anuloma-nana) ist der
zwölfte Schritt des Klarblickwissens. Es ist der
letzte Akt des Bemerkens im ‘Klarblick, der zum Entrinnen führt’ und
zugleich der erste Wissensschritt im Bewußtseinsprozeß des edlen überweltlichen
Pfades. Dieses Wissen entwickelt die an überweltliche Vertiefung angrenzende
Sammlung (lokuttara upacara-samadhi) der momentanen Konzentration und
hat als Objekt das Entstehen und Vergehen der fünf
Bündel des Anhaftens.
Das
‘Wissen der Anpassung’ betrachtet die Wirklichkeit in Übereinstimmung mit den
vier edlen Wahrheiten. Die fünf Bündel des Anhaftens sind
die beiden ersten Wahrheiten: Das Leiden und das Verlangen danach, welches den
Geist darin gefangen hält. Die Wahrheit des Verlöschens steht diesem Wissen
durch die momentane Auflösung von Körper und Geist deutlich vor Augen, ohne
aber als Objekt erfasst zu werden. Der Weg zu dieser
Erfassung des Verlöschens in Abwesenheit der fünf Bündel ist
der Weg der Entwicklung des Klarblickwissens, der hier kulminiert.
Das
Bewußtsein, das von den sechs Sinnen herrührt, wird durch Kontakt zwischen
Sinnesorganen und ihren Objekten provoziert, aber unsere Bewußtheit entwickelt
sich vom Punkt des Kontaktes an in mehreren Schritten, bevor der Akt des
Wissens vollständig abgeschlossen ist. Dann sinkt der Geist
auf das unbewußte Lebenskontinuum zurück. Kann dieser
Prozeß aus irgendwelchen Gründen nicht vollständig ablaufen, dann haben wir
kein klares Bewußtsein eines Objekts und wissen deshalb gar nichts von diesem
Kontakt.
Auch
in jedem Bewußtseinsprozeß, der von Achtsamkeit begleitet wird, also jedesmal,
wenn man das gegenwärtige Objekt notet, entwickelt sich die Bewußtheit in
mehreren Schritten, bevor der Akt des Wissens abgeschlossen ist. Wie man das
gegenwärtige Objekt mit Achtsamkeit wahrnimmt, ist
davon abhängig, wie stark seine charakteristischen Merkmale erfasst werden. Die
befinden sich auf der Ebene absoluter Realität. Sie wahrzunehmen bedeutet, die
gewohnten Vorstellungen von ‘Dingen’
und ‘Wesen’ als Objekte der Achtsamkeit zu verlieren und sie
einzutauschen gegen die formlosen, ständig in Veränderung befindlichen Elemente
der bloßen Sinneserlebnisse. Die unmittelbaren Erlebnisse sind
aber das ‘vorbereitende Objekt’ (parikamma nimitta) für momentane
Konzentration.
Wenn
nach dem Beginn der Meditation die ‘Reinheit des
Geistes’ eintritt, kann man die beiden Phasen der Bewegung des Hauptobjekts
deutlich anhand der Körperempfindung unterscheiden. Die festumrissene
Begrenzung der Objekte fordert die Achtsamkeit heraus, zu erforschen, was an den Grenzen geschieht und was zwischen den Grenzen liegt.
An diesem Punkt der Entwicklung beginnt der ‘vorbereitende Pfad’ mit den
ersten drei Klarblickwissen, die das jeweils anwesende Objekt in seinen Aspekten
‘Entstehen,’ ‘Dauer,’ und ‘Auflösung’ untersuchen.
Der
vierte Schritt des Klarblicks bringt eine Veränderung des Klarblickobjekts mit
sich, indem man die sich ständig ablösenden Sinneseindrücke nicht mehr nur
anhand ihrer eigenen Merkmale betrachtet, sondern sie jetzt als Repräsentanten
der drei allgemeinen Merkmale auffasst. Diese sind
das ‘aufgefasste Bild’ (uggaha nimitta), das momentane Konzentration
sich aneignet, wenn sie die Stärke der weltlichen angrenzenden Sammlung (upacara
samadhi) aus der Konzentrationsübung erreicht hat. Es beginnt hier die
Reihe der starken Klarblickwissen, die alle anhand der gegenwärtig anwesenden
Geist-Körper-Verbindung von Moment zu Moment immer nur die drei Merkmale als
Objekte des Wissens haben. Von diesem Punkt der Entwicklung an treten in jedem
meditativ geprägten Bewußtseinsprozeß – jedesmal, wenn man notet – die vier
Funktionen der Konzentration auf: ‘Vorbereitung, Zugang, Aufstieg, Abstieg’
(parikamma, upacara, anuloma, patiloma). Der anuloma-Moment (Aufstieg,
Anpassung) hat die Funktion, die drei Merkmale zu erfassen. ‘Abstieg’ findet statt, weil
die Anpassung des Wissens an die vier edlen Wahrheiten nicht stark genug ist,
Vertiefungskonzentration (appana samadhi) zu erzeugen.
Im
Verlauf des Fortschritts durch die starken Klarblickwissen wird das Verständnis
und die Wahrnehmung der drei Merkmale geschärft, und der ‘Aufstieg’-Moment
wird immer stärker. Wenn der Meditierende das ‘Wissen des Gleichmuts’
erreicht hat und sich beständig bemüht, den Gleichmut zu vervollkommnen, dann,
so heißt es, wird sein Vertrauen furchtlos, seine Energie unerschöpflich, seine
Achtsamkeit fest eingerichtet, seine Konzentration geradlinig und sein
Gleichmut unerschütterlich. Dann wird ihm bewußt werden, daß das Pfadwissen
sich anbahnt, und sein ‘Wissen des Gleichmuts’ betrachtet alle Gebilde
als vergänglich, leidhaft und nicht Selbst. Jetzt geht der Bewußtseinsprozeß
weiter bis zur Vertiefung: Nach ‘Vorbereitung’
und ‘Zugang’ folgen ‘Anpassung’
und ‘Reife’ (parikamma, upacara, anuloma, gotrabhu). Die ersten drei
Bewußtseinsmomente heißen zusammengenommen ‘Wissen der Anpassung.’
Der
Vorgang, der hier beschrieben wurde, ist die
Entwicklung des ‘Aufstieg’ -Moments
in der Übung des reinen Klarblicks (suddha-vipassana-yana). Es ist eine andere Geschichte, wenn der Meditierende zuvor
schon weltliche Konzentrationsübungen (samatha) betrieben und
Versenkungsstufen (lokiya-jhana) erreicht hat. Dann ist
die Funktion ‘Anpassung’ –
die fortlaufend geübte Konzentration zu sammeln und umzuformen, bis sie stark
genug ist, Vertiefung zu erzeugen – schon gut entwickelt und kraftvoll. Die
Konzentrationsübungen passen die Konzentration an die feinstofflichen und
unkörperlichen Objekte der weltlichen Versenkungsstufen an. Wenn so jemand
seine geistige Kraft in der Klarblickübung einsetzt, ist seine Entwicklung viel
rascher, besonders wenn er die vierte feinkörperliche Vertiefung beherrscht. Er
übt auf der Basis von Versenkung, die er kurzfristig betritt, und wenn er sie
wieder verläßt, betrachtet er die Grundlagen der Achtsamkeit, um momentane
Konzentration auszubilden, denn die Aufgabe in der Klarblickübung besteht
darin, von Moment zu Moment die wahre Natur von Körper und Geist zu betrachten.
Der
Versenkungserfahrene besitzt Reinheit des Geistes vom Beginn der Übung an,
seine Hindernisse sind völlig unter Kontrolle, und er hat keine
Schwierigkeiten, das ‘vorbereitende Bild’ und das ‘erworbene Bild’
der Klarblickmeditation zu erfassen und das starke ‘Wissen vom Entstehen und Vergehen’
zu erreichen. Er wird nicht von den Verzerrungen behindert, denn er kennt sich
aus mit verschiedenen geistigen Objekten (nimitta) und weiß zu
verhindern, daß er sich an die falschen hängt. Er hat
Kontrolle über seine Konzentration und kann sie auf das korrekte ‘Bild’ einstellen – die drei Merkmale. So geht
er rasch durch die Klarblickwissen, und der ‘Aufstieg’ -Moment sammelt schnell die für überweltliche
Vertiefungskonzentration nötige Stärke an.
Wie
dem auch sei: Unabhängig davon, ob man nun dem Pfad reinen Klarblicks folgt,
oder Klarblick auf der Basis von Versenkungszuständen übt (samatha-vipassana),
wird der Pfadprozeß eingeleitet, sobald der ‘Aufstieg’-Moment der Konzentration die minimal
notwendige Stärke hat, um den Wechsel des Objekts zu bewirken, der die
Erleuchtung bedeutet: von der Betrachtung der drei Merkmale, dem ‘erworbenen
Bild,’ zum Erfassen des ‘Gegenbildes ’
für Vertiefungskonzentration in der Klarblickübung: Nibbana, das Element
der Wirklichkeit, das den Phänomenen von Körper und Geist keine Grundlage und
keinen Halt bietet.
Die
unterschiedlichen Betrachtungsweisen der einzelnen Klarblickwissen, die der
Übende vom starken ‘Wissen vom Entstehen und Vergehen’ bis zum ‘Wissen des Gleichmuts’ auf
ganz persönliche Weise erfahren hat, werden vom ‘Wissen der Anpassung’ zu
einer abschließenden, ganzheitlichen Betrachtung der fünf Bündel des Anhaftens
zusammengefaßt und integriert. Im einzelnen betrachtet dieses Wissen so:
Das
‘Wissen der Anpassung’ ist der Höhepunkt der Klarblickentwicklung und
bedeutet einen psychologisch bis in die Tiefen des Unbewußten reichenden
Willensentschluß zum endgültigen und unwiderruflichen Verzicht auf alle
Gebilde. Es ruft alle die Geisteskräfte wach, die
Bestandteile des Erleuchtungsbewußtseins sind und in der Meditation entwickelt
wurden, und bringt sie zum Einsatz. Der Geist ist nun
befähigt und bereit für überweltliche Vertiefung.
13.)
Wissen und Reife
Das
dreizehnte Wissen, ‘Reifewissen’ (gotrabhu-nana), verändert die
Zugehörigkeit des individuellen Geistes mit Blick auf die weitere samsarische
Laufbahn. Es folgt im Bewußtseinsprozeß des edlen Pfades
unmittelbar auf das ‘Wissen der Anpassung.’ Dieses
Wissen bildet den Übergang vom weltlichen (lokiya) zum überweltlichen (lokuttara)
Geist. Für das Individuum bedeutet es den Wechsel vom spirituell
unerfahrenen ‘Weltling’
zum wissenden ‘Edlen .’ Das ‘Reifewissen’ verstärkt die vom ‘Wissen der Anpassung’
übernommene angrenzende Konzentration bis zur
Vertiefung.
Das
‘Wissen der Anpassung’ weiß, daß die fünf Bündel des Anhaftens ein Ende
finden müssen, aber es weiß nicht, was nach dem Ende kommt, denn als Objekt betrachtet es die Gebilde. Das ‘Reifewissen’
hingegen hat Nibbana als Objekt und erkennt,
daß das Verlöschen der fünf Bündel keine Vernichtung von etwas Existierendem
und auch kein unerkennbares Nichts ist. Es erkennt die überweltliche Realität
von Nibbana am Merkmal des Friedens (santilakkhana).
Das
‘Reifewissen’ ist vergleichbar mit dem Überschreiten einer Türschwelle:
Ein Fuß ist schon darüber hinweg, aber der andere steht noch davor. Mit der Tür
zu Nibbana ist es ähnlich: Davor sind die
Bündel von Geist und Körper noch das Objekt, aber in Nibbana sind keine
fünf Bündel, Nibbana selbst ist das Objekt. Wenn das
Wissen der Reife auftaucht, steht der Erleuchtung nichts mehr im Weg.
14.)
Pfadwissen
Nach
dem ‘Reifewissen’ ist der unmittelbar folgende Bewußtseinsmoment das ‘Pfadwissen.’
Die Konzentration hat Vertiefungsstärke und Nibbana ist
das Objekt des Geistes. Der Geist, der den Pfad erlebt, hat direkte Berührung
mit der unwandelbaren, ungeschaffenen Realität, die jenseits von Geburt und Tod
ist, die nicht entsteht und vergeht, das ‘unzerstörbare Element’
(amata-dhatu). Das ‘Pfadwissen ’ vernichtet die Eintrübungen,
die Maschinerie des Leidens, die als die zehn Fesseln (samyojana)
aufgelistet werden.
Wie kommt es zu dieser restlosen Vernichtung? Wenn Achtsamkeit in der richtigen Weise entwickelt wurde, entsteht
Weisheit. Dann wird man verstehen, daß alle Arten von
Eintrübung und Verlangen nur in den fünf Bündeln des Anhaftens liegen. Außerhalb davon kann es sie nicht geben. Aufgrund der mit
Klarblick beobachteten Vergänglichkeit sind alle
Phänomene als
Die
vier überweltlichen Pfade werden unterschieden nach ihrer Kapazität zur
Vernichtung von Eintrübungen:
Der
einzelne Bewußtseinsmoment des Pfades im überweltlichen
Bewußtseinsprozeß der siebten Reinheitsstufe ist der
Moment der Befreiung. Jeder einzelne der vier Pfade ist
unwiederholbar. Sie werden nur einmal erlebt; die vernichteten Fesseln können
nie mehr neu entstehen und den Geist binden.
15.)
Fruchtwissen
Das
‘Fruchtwissen’ (phala-nana) folgt unmittelbar auf das Pfadbewußtsein und
dauert zwei oder drei Bewußtseinsmomente, je nach der
Kraft der Meditation. Das Fruchtbewußtsein (phala-citta) hat Nibbana
als Objekt und wird von Vertiefungskonzentration
getragen. Während das Pfadbewußtsein die höchste Willenshandlung (kamma)
des Geistes ist, entsteht das ‘Fruchtwissen’ als Ergebnis (vipaka) dieser Tat: Es
erlebt das Verlöschen nach der Zerstörung der Fesseln. Obwohl die vier Pfade
nicht wiederholbar sind, können die dazugehörigen
Zustände des Fruchtbewußtseins erneut auftreten, wenn die Klarblickübung
fortgesetzt wird. Die vier Pfade und vier ‘Fruchtwissen ’ sind alle überweltliche
Geisteszustände (lokuttara-citta).
16.)
Wissen des Rückblicks
Das
‘Wissen des Rückblicks’ (paccavekkhana-nana) blickt zurück auf den Pfad
und die Frucht, die gerade erlebt wurden. Es betrachtet auch die Eintrübungen,
die vernichtet wurden und diejenigen, die noch im Geist geblieben sind. Als letzte Funktion betrachtet das ‘Wissen des
Rückblicks’ die überweltliche Realität, Nibbana, und stellt für den
Übenden die Erinnerung an das Erleuchtungserlebnis sicher.
Da
dieses Wissen wieder Geist und Körper als Objekt hat,
wird es als weltlicher Geisteszustand klassifiziert. Der Meditierende
beschließt, die Übung weiter fortzusetzen, um die höheren Pfade zu
verwirklichen, und kehrt dann zu dem ursprünglichen Objekt zurück: dem
Entstehen und Vergehen von Geist und Körper.
In
der Praxis dauert der gesamte Bewußtseinsprozeß des Pfades, vom ‘ Wissen der Anpassung’
bis zum ‘Wissen des Rückblicks,’ nicht einmal so lang wie ein
Fingerschnipsen, ein Augenzwinkern oder ein Blitzlicht. Für den Übenden ist es nur ein einziger Akt bewußten Bemerkens. Er wird sich
an den ‘Klarblick, der zum Entrinnen führt’
erinnern, und daran, daß danach für einen Moment alle Gefühle unterbochen
waren. Die Vernichtung der Eintrübungen ist jedoch
bleibend und legt die weitere Entwicklung durch die höheren Pfade bis zur
vollständigen Überwindung des Leidens neuer Wiedergeburt mit absoluter
Gewißheit fest.
Die
Wiederkehr des Fruchtbewußtseins (phala-samapatti)
Zum
Abschluß dieses Handbuchs sei der Übende noch einmal daran erinnert, die Übung
immer mit der richtigen geistigen Einstellung zu unternehmen. Als Voraussetzung
für die korrekte Entwicklung von Klarblick, darf man sich keinen
Wunschvorstellungen hingeben oder Erwartungen
bezüglich des edlen Pfades hegen. Erwartung entspringt
aus Begierde. Wenn man mit Begierde oder dem
Verlangen, Nibbana rasch zu erleben, meditiert, vereitelt man die eigene
Bemühung. Selbst wenn man ein Verlöschen erlebt, wird es mit
großer Sicherheit eine der vier falschen Arten von Selbstvergessenheit sein.
Manche entwickeln in der Übung starke Konzentration und haben
eigenartige Erlebnisse. Sie dürfen dann nicht darüber spekulieren, was
das wohl war, sondern müssen sich weiter bemühen, die Achtsamkeit in der
Gegenwart zu halten und an nichts anzuhaften. Wer den edlen Pfad in Wahrheit durchlaufen hat, wird sich
dieser Tatsache im Lauf der Zeit bewußt werden.
Ob
das echte Verlöschen durch den edlen Pfad eingetreten ist, kann der Übende
anhand folgender Anweisungen für die Übung selber prüfen: Wenn man mit großer
Sorgfalt und gewissenhafter Anwendung der in diesem Handbuch beschriebenen
Methode die Abfolge der Klarblickschritte vom dritten bis zum elften Wissen
durchläuft, werden die fünf geistigen Fähigkeiten (Vertrauen, Energie,
Achtsamkeit, Konzentration, Weisheit) ausgeglichen und nehmen dann an Kraft
zu, bis mit deutlicher Beschleunigung der ‘Klarblick, der zum Entrinnen
führt’ auftaucht – Wissen, welches nur eines der drei Merkmale als Objekt
betrachtet. Dann folgt momentanes Verlöschen und das ‘Wissen
des Rückblicks.’
Danach
sind die Erlebnisse in der Meditation wieder von
gröberer Art. Der Meditierende ist plötzlich vom ‘Wissen des Gleichmuts,’
das hochkonzentriert ist und weder Gedanken noch Abschweifungen der
Konzentration zu äußeren Objekten kennt, zurückgefallen auf das vierte Wissen.
Mit dem starken ‘
Wissen vom Entstehen und Vergehen’ beginnt dann erneut die
Entwicklung durch die Schritte des Klarblickpfades, die aber jetzt schneller
durchlaufen werden als beim ersten Mal, und erreicht bald wieder den ‘Klarblick,
der zum Entrinnen führt, ’
gefolgt von erneutem Verlöschen.
Dieser Fortschritt durch die Abfolge der
starken Klarblickwissen muß oft geübt werden, bis der Meditierende die
typischen Erlebnisse der verschiedenen Schritte gut kennt und wie Meilensteine
am Wegesrand nur registriert, ohne daran anzuhaften und sie als persönliche
Erlebnisse zu begreifen. Sollten einzelne der Wissensschritte undeutlich sein,
so möge man in der Meditation den Entschluß fassen, daß dieses Wissen für
zwanzig Minuten andauern soll. Der Klarblick wird dann bei diesem Wissen
bleiben, bis die bestimmte Zeit um ist, dann taucht das nächste Wissen von
alleine auf. In dieser Weise wird der Meditierende völlige Klarheit über den
Inhalt der einzelnen Wissensschritte bekommen, und seine Konzentration wird
zunehmen, bis er in einer Sitzung vom vierten Wissen bis zum Eintritt des
Verlöschens gehen kann. Danach kann man zu Beginn der Sitzung den Entschluß
fassen, daß das Verlöschen innerhalb von zwanzig Minuten eintreten soll, und
wenn es geschieht, wiederholt man den Entschluß und verkürzt allmählich die
Zeit, bis man schließlich in einer Sitzung immer wieder den Aufstieg durch die
Klarblickschritte bis zum Verlöschen beherrscht. Später kann man die Dauer des
Verlöschens verlängern, von fünf Minuten auf zehn, bis zu einer Stunde und
länger. Wenn der Übende das Verlöschen auf diese Weise kennt, wird er absolute
Gewißheit haben – aber er darf nicht anhaften, das gefährdet das Verlöschen.
Die Vorzüge des Klarblicks
Die Übung von Klarblickmeditation hat so viele
Vorzüge, daß man sie nicht alle aufzählen kann. Es seien hier nur die
wertvollsten erwähnt-
“Hört
mich an, Bhikkhus! Vergeßt die sieben Jahre! Wer die vier Grundlagen der
Achtsamkeit sechs… fünf, vier, drei, zwei, ein Jahr… sieben Monate… sechs,
fünf, vier, drei, zwei, einen Monat… sieben Tage lang ununterbrochen
entwickelt, der kann eine dieser beiden Früchte erwarten: Die Frucht der
Arahatschaft in diesem Leben, oder er wird, wenn noch Fesseln bleiben,
Niewiederkehrer sein."
“Hört mich an,
Bhikkhus! Es gibt diesen einzigen Weg zur vollständigen Läuterung der Wesen,
zur Überwindung von Kummer und Verzweiflung, zum vollständigen Verlöschen von
Schmerz und Niedergeschlagenheit, für die Entwicklung des höheren Wissens und
die Verwirklichung von Nibbana. Dieser Weg sind die vier Grundlagen der
Achtsamkeit.”
Über den Autor
Geboren 1914 in Samut
Prakaan, in eine kinderreiche Familie, die von Hochseefischerei lebte,
entwickelte Acharn Thawie schon in seiner Jugend Interesse an Meditation. Er
fühlte sich zwar nicht zum Tempel und zu den Mönchen hingezogen, zog sich aber
schon in der Schulzeit oft in die Natur zurück, um die Natur des Lebens zu
betrachten. Auf einer dieser Exkursionen erlebte er im Alter von achtzehn
Jahren in meditativer Versenkung spontan die Wahrheit des Buddha, wurde aber
auch dadurch nicht religiös im Sinne eines eifrigen Tempelbesuchers.
Nachdem er im zweiten Weltkrieg
in der Marine gedient hatte, übernahm er den väterlichen Fischereibetrieb, da
seine Geschwister, die im Ausland studiert hatten, schon in anderen Berufen
gebunden waren. Bis zum Alter von fünfundvierzig Jahren kümmerte er sich um die
Führung des Geschäfts und ermöglichte seinen Neffen und Nichten Studien im
Ausland. Er selbst hatte nie den Wunsch, eine Familie zu gründen. Stattdessen
nutzte er jede Gelegenheit, tagelang im Wald zu verschwinden, um zu meditieren.
Schließlich wurde ihm die
Führung des Geschäfts eine zu große Belastung. Er übergab den Betrieb an
Verwandte und lebte von da an nur im Wald. Wie es in Thailand üblich ist,
werden auch Laien, die sich dem asketischen Ideal widmen, von der ländlichen
Bevölkerung gern unterstützt und mit Essen versorgt. Aber Acharn Thawie suchte
die Natur und so blieb er oft wochenlang im Wald, übte Versenkung und ernährte
sich von Früchten, Blättern und Wurzeln. Als er dann einmal krank wurde und
hohes Fieber hatte, konnte er zwar den Schmerz und das Fieber durch Eintritt in
Versenkungsstufen unterdrücken, wurde aber körperlich allmählich schwächer.
Leute, die ihn manchmal aufsuchten, brachten ihn zum Arzt, der ihm nahelegte,
er solle doch Mönch werden, damit für die materiellen Bedürfnisse des Körpers
besser gesorgt wäre, um sein spirituelles Leben zu unterstützen.
So wurde Acharn Thawie im
Alter von neunundvierzig Jahren Bhikkhu im Dhammayut Sangha. Da er keinen
Lehrer hatte und bisher keine Verbindung mit Mönchen, lebte er nach seiner
Ordination weiterhin unabhängig, besuchte aber einige in Thailand berühmte
Lehrer, um innerhalb des Sangha seinen Platz zu finden. Acharn Maha Bua bot ihm
an, als Assistant bei ihm zu bleiben, aber Acharn Thawie wollte sich nicht auf
Samatha Meditation beschränken. Als er 1965 in Chonburi das neu entstandene
Vipassana Zentrum im Wat Vivekasom aufsuchte, lernte er dort die burmesische
Vipassana Methode von Mahasi Sayadow. Er praktizierte unter Anleitung wenige
Wochen, und man erkannte seine hohe Entwicklung und bot ihm sofort eine Stelle
als Lehrer an.
Die Methode überzeugte
Acharn Thawie, und er nahm die Aufforderung gern an. Später sagte er, die
Methode, das gegenwärtige Objekt zu benennen, sei ein äußerst wirksames Mittel,
um Achtsamkeit auf die Wirklichkeit aufmerksam zu machen und rasch Klarblick zu
entwickeln. Die Nutzung der Bewegung der Bauchdecke als Hauptobjekt für
momentane Konzentration – damals eine neue Methode – schien ihm ebenfalls für
die Entwicklung von Klarblick besser geeignet als anapana-sati,
Achtsamkeit auf den Atem an der Nasenspitze. Seine Schüler lehrte er nur die
vier Grundlagen der Achtsamkeit mithilfe der Mahasi Methode. Anapana-sati
und Versenkung, die er selbst beherrschte, seien in der heutigen Zeit schwer zu
entwickeln. Das moderne Leben sei so unruhig geworden, daß man kaum noch die
äußeren Bedingungen für diese Meditation finde. Und dann müsse man ja von da
aus noch Klarblick entwickeln, um die vier edlen Wahrheiten zu durchdringen. Da
sei es erfolgversprechender, direkt Klarblick zu üben.
Bis 1981 lebte Acharn
Thawie im Wat Vivekasom, Chonburi, und erwarb sich in dieser Zeit den Ruf eines
milden, verständnisvollen und zuverlässigen Klarblicklehrers. Da er gut
Englisch sprach, kümmerte er sich vorwiegend um westliche Schüler, wurde aber
auch von Thais, Mönchen wie Laien, hochgeschätzt und hatte zahlreiche
Unterstützer. Einer davon Nai Sorn, bot ihm ein Stück Land in der Nähe von
Bangkhla, in der Nachbarprovinz Chachengsao, an, und so wurde im August 1982
das Sorn-Thawie Meditationszentrum gegründet.
Die folgenden Jahre sahen
das rapide Heranwachsen eines der modernsten Zentren Thailands. Die
Gemeinschaft, die sich um Acharn Thawie sammelte, wuchs im Laufe der Jahre auf
neunzig bis hundert Personen an, gemischt aus Ordensmitgliedern und Laien
beiderlei Geschlechts. Es kamen mehr und mehr westliche Suchende, und einige
davon wurden Mönche und Nonnen und blieben jahrelang im Sorn-Thawie Zentrum.
1994 wurde bei Acharn
Thawie eine Krebsgeschwulst diagnostiziert, und er mußte im Laufe eines Jahres
dreimal operiert werden. Danach konnte er die Gemeinschaft noch zwei Jahre lang
leiten, bevor er an den Folgen der Erkrankung am 5. Juni 1996 starb.
Wer stirbt?
Niemand stirbt.
Andere Leute
sagen: Oh, das ist Acharn Thawie. Ein guter Mann! Aber ich weiß, daß es keinen
Acharn Thawie gibt. …
Durchschaue
Dich Selbst
Wer Klarblick übt, macht
sein Bewußtsein hell und klar,
Und kennt des Lebens
höchsten Schatz, den Reinen Geist.
Er folgt dem Pfad, erkennt
das Leid und läßt die Gier:
So wird die Glut des
Leidens grenzenlos gelöscht.
Betrachte achtsam die fünf
Bündel in Aktion und sei
Bewußt so gut Du kannst,
was Geist und Körper tun.
Pein und Schmerz,
Empfindungen, machen unglücklich –
Schau dem Auf und Ab nur
zu: plötzlich siehst Du klar.
Erlebe hier im Körper
viele Phänomene:
Nichts davon ist wirklich
– überzeuge Dich!
Glück und Unglück streift
Dich wie Hauch,
Geist und Körper sind
spontan wie die Natur.
Note mit Entschlossenheit,
laß nicht davon ab!
Lösche das Verlangen,
veredle Deinen Geist.
Gehe nur den Mittelweg,
verwirkliche den Dhamma,
Gewinne so das höchste
Glück, Amata, Nibbana.
Baladhammo Bhikkhu
(Acharn Thawie Baladhammo,
März 1984)